Existenzkrise in Brandenburgs Landwirtschaft?

Nach zwei Dürresommern scheint Brandenburg als Brennglas für die klimatischen Veränderungen zu stehen, die in den nächsten Jahren und Jahrzehnten auf weite Regionen Mitteleuropas zukommen. Um die Brisanz des Klimawandels und seiner Bedeutung in Brandenburg aufzuzeigen, veranstaltete das Gemeinschaftsprojekt „Frieda e.V“ (www.die-frieda.org) am Samstag, den 31.08. in Brück einen Film-, Vortrags- und Diskussionsabend zum Thema. Soil HUB war dabei und moderierte durch den Abend.

Zunächst zeigte Malte Cegiolka einen Kurzfilm, bei dem die Perspektive des Landwirts Mark Dümichen aus dem Niederen Fläming deutlich wurde. Anschließend gab es einen Vortrag von Philipp Gerhardt über die Bedeutung des Klimawandels für unsere zukünftigen Anbausysteme, und seinen Ansatz, durch integrierte Baumfeldwirtschaft Ökosystemregeneration mit Nahrungsmittelproduktion zu verbinden (www.baumfeldwirtschaft.de).

Die anschließende Podiumsdiskussion wurde von Soil HUB geleitet. Mit Podiumsteilnehmenden Barbara Ral (Klimaschutzmanagerin aus Potsdam Mittelmark), Dr. Joachim Niklas (Gründer des Ökokombinats Bad Belzig, http://www.ökokombinat.de), Mathias Peeters (Gründer der SoLaWi-Gärtnerei BAUERei in Grube bei Potsdam) und Philipp Gerhardt (Dipl. Forstwirt und Gründer von Baumfeldwirtschaft, s.o.) wurde über den Status Quo in Sachen Klimawandel in Brandenburg diskutiert, es wurden Gründe für zu langsam voranschreitendes Handeln analysiert, und mögliche Zukunftsperspektiven entworfen.

Durch die unterschiedlichen Expertisenfelder der Gäste wurde schnell die Komplexität des Themas deutlich. Während Einigkeit darüber bestand, dass die Existenz des Klimawandels den Arbeitsalltag sowohl in Land- und Forstwirtschaft bereits bestimmt, ist die Brisanz des Handlungsbedarfs auf vielen politischen und zivilgesellschaftlichen Ebenen noch nicht angekommen. Hemmfaktoren für die Implementierung humusaufbauender Agrarsysteme  sind vor allem überbürokratisierte Geldvergabevorgaben, fehlendes Verständnis der Zusammenhänge von Klimawandel und Landwirtschaft, und nicht zuletzt Besitzverhältnisse landwirtschaftlicher Flächen.

Zwar ist wichtig, dass wir alle unsere Meinung auf der Straße und im Supermarkt kundtun;  Solange aber der Zugang zu Land für JunglandwirtInnen und –gärtnerInnen von der Kaufkraft großer Hedgefonds und Agrargenossenschaften überschattet wird; solange die vorherrschende Gute Fachliche Praxis in der Landwirtschaft noch immer von unkrautfreien Äckern und einjährigen Kulturen geprägt ist, solange die Auslagerung unseres Flächenbedarfs zur Lebensmittelproduktion in andere Kontinente nicht politisch hinterfragt wird, kann von Landwirtschaft als Lösung für den Klimawandel keine Rede sein.

Trotz Temperaturen um die 30 Grad war im Gemeinschaftsraum der Frieda jeder Stuhl besetzt. Die Stimmung war bis zur letzten Minute gebannt, und selbst nach Ende blieben noch viele, um in lockerer Atmosphäre weiterführende Gedanken zu teilen. Veranstaltungen wie diese zeigen, dass der Wunsch nach Veränderung groß ist. Wollen wir eine Zukunft des Gelingens schaffen, müssen wir erschreckende Klimawandelszenarien an uns heranlassen, sie durchdringen, und letztendlich in Motivation zur Veränderung wandeln. 

Regenerative Landwirtschaft in die Stadt bringen

Soil HUB hat das erste Mal eine Veranstaltung zu regenerativer Landwirtschaft in Berlin auf die Beine gestellt! Samstagabend haben wir im Prinzessinnengarten den US-amerikanischen Film „Unbroken Ground“ (auch frei verfügbar im Internet unter diesem Link) gezeigt um danach das Podium mit dem Publikum diskutieren zu lassen, was es braucht, damit regenerative Anbauformen in Deutschland skalierbar sind. Die Podiumsteilnehmer*innen Julia Bar Tal (Landwirtschaftsmeisterin/OliB Bienenwerder), Ricarda Kandert (Geografin), Magnus Wessel (Leiter Naturschutz BUND) und Christian Kroll (Gründer/CEO ecosia) haben sehr unterschiedliche Perspektiven eingebracht, und vor allem noch mal auf die Tatsache hingewiesen, dass wir letztendlich gesellschaftlich bereits jetzt unheimlich viel Geld durch die EU Agrarsubventionen bereitstellen (europaweit jährlich 55 Milliarden Euro!), welches deutlich umkanalisiert werden müsste, um eine zukunftsfähige, regenerative Landwirtschaft zu sichern. Eine Änderung der EU Agrarförderpolitik steht derzeit in Verhandlung, mit breiter Forderung nach Umschichtung der Auszahlungen nach Flächengröße auf Maßnahmen Zahlungen, die gesellschaftlich gefordert sind, wie z.B. Boden- und Gewässerschutz sowie Förderung der Artenvielfalt. Eine weitere Herausforderung ist das Zusammendenken ökologischer und sozialer Bedürfnisse – derzeit läuft eine bewusste Spaltungskampagne aus dem rechten Spektrum, die darauf zielt gesellschaftliche Forderungen nach einer nachhaltigen Landwirtschaft als unsozial (da vermeintlich zu teuer und unrealistisch) zu deklarieren – doch konträr dazu orientieren sich immer mehr Landwirtschaftsbetriebe selbst, ob konventionell oder öko, regenerativen Praktiken zu. Bodenfruchtbarkeitskurse boomen, Agroforst ist auch im konventionellen Bereich angekommen. Das Ziel ist oft die Sicherung des betrieblichen Überlebens, welches bereits jetzt durch die Klimawandelauswirkungen gefährdert wird. Hier anzusetzen, und jenseits politischer und Anbauverbandsgräben eine Landwirtschaft zu fördern, die sich den gewaltigen Herausforderungen der nächsten Jahre anpassen kann und nicht die Ressourcen erodiert auf denen sie basiert, ist sinnvoll.

Kinostart: John Chester/Meine kleine große Farm – Interview mit Soil Hub

Vergangene Woche hatte ich die große Freude John Chester interviewen zu dürfen – er ist gerade auf Europatour um seinen Kinofilm „Unsere große kleine Farm“ vorzustellen . Zugegeben, Filmtitel und zugehöriges Plakat haben mich in ihrer Landromantik eher abgeschreckt – doch was dahinter steckt sind zwei Menschen, die sich fragen, welche Rolle Landwirtschaft in den Fragen unserer Zeit, wie Klimawandel und Artensterben, spielen kann und die Boden als das Immunsystem ihrer Farm begreifen. Molly & John Chester haben vor acht Jahren auf 80 Hektar in Kalifornien eine sehr vielfältige Landwirtschaft initiiert; ihre Reise bis jetzt ist Kernstück des Films, der am 11. Juli deutschen Kinostart hat.

Ein Film der Demut zeigt, vor dem was die Natur an Antworten und Herausforderungen bereithält, wenn man sich auf die intensive Interaktion mit ihr, die Landwirtschaft bedeutet, einlässt. Ich habe John gefragt, wie er seine Beziehung zu Boden beschreiben würde, in welcher Rolle er Boden und Landwirtschaft in Bezug zu Klimawandel sieht, und wie er meint, dass Landwirt*innen unterstützt werden können, um regenerative Agrarsysteme aufbauen zu können. Seine Antworten seht ihr hier (bislang leider nur auf Englisch, wenn das Untertitelprogramm und ich besser miteinander klar kommen folgt die deutsche Übersetzung):

Aus dem Wochenend-Inkubator …

Die letzten zwei Tage haben wir der Zukunft von Soil Hub gewidmet, durch intensive Visions- und Aktionsplanung, begleitet von viel Kaffee. Soil Hub, das sind wir beiden auf dem Foto: Svenja Nette und Carmen Schwartz (wer genau hinschaut erkennt unten rechts im Bild auch Kartoffelbauer Klaus, der zumindest am Sonntag dabei war). Und beide arbeiten wir mit Herzblut an Themen rund um Landwirtschaft, Klimawandel und Ernährungswende. Svenjas Spezialität ist alles rund um Partizipative Bildung, urbane Landwirtschaft und Netzwerkarbeit, Carmen fühlt sich bei den Themen Social Entrepreneurship, Wertschöpfungsketten und ländlicher Raum zuhause.

Gemeinsam haben wir Soil Hub gegründet um Euch mit auf eine Reise zu nehmen zu Menschen und Produktionssystemen, die Mut machen, indem sie zeigen, dass Landwirtschaft eine Lösung sein kann in Zeiten von Klimawandelauswirkungen und in‘s Wanken geratenen Ökosystemen.

Die Zukunft von Soil Hub: Kooperationen mit verschiedenen Partnern aus Produktion, Politik und Bildung, die eine zukunftsfähige Landwirtschaft ermöglichen. Stay tuned und begleite uns zu Landwirt*innen aus deiner Region bis auf die Äcker der Welt, auf Instagram, Facebook und unserem Blog!

Klagen gegen den Klimawandel – Ein Brandenburger Landwirt macht‘s vor

Während sich Viele über den verfrühten Frühling der vergangenen Woche freuen, fragen sich Andere, ob dieser Sommer sie an den Rande ihrer Existenz bringen wird. Die Dürre 2018 hat vor allem im Nordosten Deutschlands zu heftigen Ernteeinbußen und Kosten für Futterausfälle bei viehhaltenden Betrieben geführt. Nur die Schlachthöfe hatten Konjunktur: die Wetterlage hat viele Höfe zu signifikanten Bestandsverkleinerungen gezwungen.

So auch bei Heiner Lütken Schwienhorst, der am Rande von Spreewald zusammen mit seiner Familie einen Milchviehbetrieb führt und den der vergangene Sommer wirtschaftlich in die Ecke gedrängt hat . Er verklagt nun die Bundesregierung; zusammen mit Greenpeace sowie der Rechtsanwältin Roda Verheyen. Der Klage haben sich mittlerweile weitere Landwirte und Familien angeschlossen. Anklagepunkt: Die Regierung verfehlt die ihr selbst gesetzten Klimaziele und bedroht somit die Existenzgrundlage der Landwirtschaft. Spezifisch beziehen die Klagenden sich auf das Ziel der Bundesregierung Deutschland, bis 2020 40% der CO2 Emissionen gegenüber 1990 einzusparen. Bei 32% ist nun Schluss, im Klimaschutzbericht 2017 der Bundesregierung wird verkündet, dass trotz der Verfehlung „keine weiteren Maßnahmen ergriffen werden“. In Anbetracht der Tatsache, dass uns Dank dem Klimawandel weitaus drastischere Wetterlagen bevorstehen als letztes Jahr, eine mehr als fragwürdige Strategie.

Wir leben in Zeiten in denen Vattenfall die Bundesregierung wegen ihres geplanten Atomausstiegs (und den damit verbundenen Gewinnausfall für Vattenfall) auf anfangs 4,4 Milliarden Euro verklagt. Diese Verluste können deutsche Land- und Fortwirtschaftende übertrumpfen; schon im August 2018 wurde der Verlust von Forst- und Landwirtschaft auf knapp 7 Milliarden Euro beziffert. So symbolisch die jetzige Klima-Klage auch sein mag, so bedeutsam ist sie vielleicht auch: statt Symptombekämpfung durch Dürrehilfen ist mutigeres politisches Handeln angesagt. Wären nationale und internationale Klimaziele wie gesetzt erfüllt worden, hätten wir momentan höchstwahrscheinlich eine weniger düstere Aussicht auf die nächsten Jahrzehnte.

Die Landwirtschaft zeigt sich als einer der am frühesten betroffenen Wirtschaftssektoren und ist ironischerweise der Sektor auf den sich alles andere stützt. Somit können solche Klagen nur unterstützt werden um Druck und Aufmerksamkeit auf die dringende Umsetzung der Klimaziele zu erwirken und um Sichtbarkeit darauf zu lenken, dass Menschen auch bereits hierzulande um ihre jetzige und zukünftige Existenz in Zeiten des Klimawandels kämpfen.

Während sich Viele über den verfrühten Frühling der vergangenen Woche freuen, fragen sich Andere, ob dieser Sommer sie an den Rande ihrer Existenz bringen wird. Die Dürre 2018 hat vor allem im Nordosten Deutschlands zu heftigen Ernteeinbußen und Kosten für Futterausfälle bei viehhaltenden Betrieben geführt. Nur die Schlachthöfe hatten Konjunktur: die Wetterlage hat viele Höfe zu signifikanten Bestandsverkleinerungen gezwungen.

So auch bei Heiner Lütken Schwienhorst, der am Rande von Spreewald zusammen mit seiner Familie einen Milchviehbetrieb führt und den der vergangene Sommer wirtschaftlich in die Ecke gedrängt hat . Er verklagt nun die Bundesregierung; zusammen mit Greenpeace sowie der Rechtsanwältin Roda Verheyen. Der Klage haben sich mittlerweile weitere Landwirte und Familien angeschlossen. Anklagepunkt: Die Regierung verfehlt die ihr selbst gesetzten Klimaziele und bedroht somit die Existenzgrundlage der Landwirtschaft. Spezifisch beziehen die Klagenden sich auf das Ziel der Bundesregierung Deutschland, bis 2020 40% der CO2 Emissionen gegenüber 1990 einzusparen. Bei 32% ist nun Schluss, im Klimaschutzbericht 2017 der Bundesregierung wird verkündet, dass trotz der Verfehlung „keine weiteren Maßnahmen ergriffen werden“. In Anbetracht der Tatsache, dass uns Dank dem Klimawandel weitaus drastischere Wetterlagen bevorstehen als letztes Jahr, eine mehr als fragwürdige Strategie.

Wir leben in Zeiten in denen Vattenfall die Bundesregierung wegen ihres geplanten Atomausstiegs (und den damit verbundenen Gewinnausfall für Vattenfall) auf anfangs 4,4 Milliarden Euro verklagt. Diese Verluste können deutsche Land- und Fortwirtschaftende übertrumpfen; schon im August 2018 wurde der Verlust von Forst- und Landwirtschaft auf knapp 7 Milliarden Euro beziffert. So symbolisch die jetzige Klima-Klage auch sein mag, so bedeutsam ist sie vielleicht auch: statt Symptombekämpfung durch Dürrehilfen ist mutigeres politisches Handeln angesagt. Wären nationale und internationale Klimaziele wie gesetzt erfüllt worden, hätten wir momentan höchstwahrscheinlich eine weniger düstere Aussicht auf die nächsten Jahrzehnte.

Die Landwirtschaft zeigt sich als einer der am frühesten betroffenen Wirtschaftssektoren und ist ironischerweise der Sektor auf den sich alles andere stützt. Somit können solche Klagen nur unterstützt werden um Druck und Aufmerksamkeit auf die dringende Umsetzung der Klimaziele zu erwirken und um Sichtbarkeit darauf zu lenken, dass Menschen auch bereits hierzulande um ihre jetzige und zukünftige Existenz in Zeiten des Klimawandels kämpfen.

Links

Die Klageschrift der Klima-Klage

Welche Geschichte wollen wir erzählen?

Eigentlich wissen wir schon alles, was wir wissen müssen. Wir wissen um verheerende Verluste an Agrobiodiversität auf den Feldern, um irreparable Gesundheitsschäden bei Mensch und Tier durch Agrochemikalien, und um klimawandelbegünstigende Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft. Andererseits wissen wir auch um die Potenziale ökologischer, regenerativer, zukunftsfähiger und bodenschonender Landwirtschaft, und haben eine breite Palette an niedrig- bis hochtechnologisierten Tools zur Verfügung, um diese umzusetzen. Und tatsächlich basteln viele Pioniere auf der ganzen Welt unermüdlich an einer besseren Welt. 

Dennoch passiert weniger, als passieren könnte und müsste. Die Politik bewegt sich in ihrem ewigen Schaukelspiel zwischen Druck von Seiten der Lobby und der Wählerschaft. Uns dämmert, dass der Zustand der Welt nicht die Erfindung neuer Climate Engineering Technologien braucht, sondern vielmehr einen sozio-kulturellen Paradigmenwechseln erfordert, neue Narrative, mit denen wir uns unsere eigene Geschichte erzählen. Neue Narrative, mit denen wir Boden, Landwirtschaft und gemeinsames Wirtschaften aus einer anderen Perspektive verstehen können. Auf Soil HUB finden Geschichten aus der ganzen Welt Platz, und verknüpfen sich zu einer Idee davon, wie die Welt auch aussehen könnte. 

In diesem Beitrag möchte ich eine Initiative vorstellen, die auf den Philippinen seit 40 Jahren ihre eigene Geschichte schreibt – und dabei nicht weniger als 30000 Bäuer_innen vereint und über 1000 Reissorten selbst gezüchtet hat.

Morgens, Mittags, Abends: Reis

Auf einer meterlangen Tafel aus auf Bambus gestützten Holzbrettern türmt sich der weiß-braune Reis, dazwischen kleine Schüsseln mit Seetang-Okra-Gemisch, frisch gefangenem Fisch und Zwiebel-Gurken-Salat. Bananenblätter dienen als Tischdecken, die Hände als Besteck. Der sogenannte „Boodle-Fight“ hat auf den Philippinen Tradition, die haptische Art der Nahrungsaufnahme gehört in vielen ländlichen Regionen zum Alltag. 

Reis ist mehr als Grundnahrungsmittel – im Schnitt essen Philippinos 110 kg Reis im Jahr , das entspricht knapp 300g pro Tag; Reis füllt die Teller zum Frühstück, Mittag- und Abendessen. 

Mit der grünen Revolution erhielten auch auf den Philippinen Hochleistungs-Hybridsorten, Pestizide und synthetische Düngemittel Einzug, gestützt durch die Regierung, das 1960 gegründete philippinische Reiszüchtungsinstitut IRRI und Agrarkonzerne. Der Preis der anfänglichen erheblichen Ertragssteigerungen in der Reisproduktion zeigte sich schleichend – zwar stieg die Produktion zunächst an, Kleinbäuer_innen fielen aber in die Abhängigkeitsfalle der auf Export ausgerichteten Agrarindustrie, der sie jedes Jahr neues Hybridsaatgut abkaufen oder teure Lizenzgebühren für den Nachbau von samenfesten Sorten zahlen müssen. Viele Landwirt_innen haben zudem sowohl das praktische Wissen als auch Wissen bezüglich ihrer Rechte über eigenen Samenbau verloren. Bald nahm durch stetige Degradation der Böden sowie klimawandelbedingte Verschiebung der Regen- und Trockenzeit die Produktivität ab. Heute sind die Philippinen zwar der 9. größte Reisproduzent der Welt, weil der inländische Konsum die Produktion weit übersteigt aber auch der # 1 Reisimporteur der Welt. 

Von People‘s Organizations und Regionalvertretungen

Angesichts der steigenden ländlichen Armut gründeten einige Pioniere gemeinsam mit Wissenschaftler_innen und NGOs 1985 das Netzwerk MASIPAG (übersetzbar mit „Bäuerinnen-Wissenschaftler_innen Partnerschaft für Entwicklung“) mit der Mission, die Lebensbedingungen von ressourcenschwachen Landwirt_innen zu verbessern. Zentrales Prinzip ist hierbei die kleinbäuerliche Kontrolle genetischer und biologischer Ressourcen und assoziiertem Wissen – nur ein komplett autonomes System ermöglicht es den Produzent_innen, tatsächlich unabhängig zu sein. Dazu gehört die Erzeugung eigenen Saatguts genauso wie die Schaffung einer eigenen Organisationsstruktur, die sich auch im Fall politischer Krisen oder Naturkatastrophen halten kann. Mit Regionalvertretungen in allen drei philippinischen Inselgruppen hat das MASIPAG-Netzwerk bis heute mehr als 1000 Reissorten in eigener Regie gesammelt, gezüchtet oder vermehrt und mit diesen Sorten seine mehr als 30000 Mitglieder versorgt. Neben Anbau unterstützt MASIPAG seine Mitglieder insbesondere bei der Verarbeitung und Vermarktung ihrer Produkte und stärkt regionale Wertschöpfungsketten und Direktvermarktung der Produkte. 

Was ist es, das MASIPAG so erfolgreich macht? Was MASIPAG von anderen Initiativen unterscheidet, ist seine über die Jahre gewachsene Organisationsstruktur, die es regional, national und international handlungsfähig macht. Sowohl auf lokaler, regionaler, als auch nationaler Ebene finden sich Strukturen, Einrichtungen und Gremien, die die Arbeit von MASIPAG vernetzen. Nur Mitglieder können MASIPAG-Saatgut beziehen, und um Mitglied zu werden braucht es einen Zusammenschluss aus mindestens 10 Produzent_innen. Repräsentanten dieser sogenannten People‘s Organizations (POs) treffen sich regelmäßig in den provinziellen beratenden Gremien (PCBs), die das Herzstück von MASIPAG bilden: Sie stellen die direkteste Form der bäuerlichen Partizipation dar, und sind thematisch in fünf Fachgruppen unterteilt: Rechtliche Angelegenheiten, Organisation & Entwicklung, Klimawandelresilienz, ökologische Landwirtschaft und Bildung. Alle auf den Philippinen verfügbaren MASIPAG-Sorten sind hier registriert und für Mitglieder zugänglich. Der ausgeprägte Commons-Ansatz wird hier deutlich: Reissorten sind Gemeingut, zu dem alle im MASIPAG-Netzwerk registrierten bäuerlichen Organisationen kostenlos Zugang haben. Im Fall von Naturkatastrophen sind die PCBs die ersten, die mit der Bereitstellung von Saatgut reagieren und so den Schaden abfedern können. Die PCBs sind wiederum durch höhere Organisationsformen regional und national vernetzt und nehmen an Jahres-und Halbjahresplena teil. So haben MASIPAG es in 40 Jahren geschafft, eine Familie für viele tausen Kleinbäuer_innen zu bilden, Großteile des Landes pestizid-, herbizid- und GMO-frei zu bekommen und Agrobiodiversität in produktiver Weise am Leben zu halten.

Beim Wachsen zusehen

Auf einer zwei Fußballfelder umfassenden Fläche zum Hinterausgang der Geschäftsstelle in Nueva Ecija werden jedes Jahr alle MASIPAG-Sorten nachgebaut, um die Mitglieder mit keimfähigem Saatgut versorgen zu können. In einem Schachbrettsystem sind mit Bambusstäben ca. drei quadratmetergroße Parzellen abgesteckt; in jedem davon verbirgt sich ein Universum an Genen, Vielfalt und Geschichte. Die Sonne glitzert im stehenden Wasser, das von Fischen, Schnecken und vielen Kleinstlebewewesen bewohnt wird. „Wo Wasser ist, ist auch Leben – ohne Pestizide“ erklärt Chris, derzeitiger Geschäftsführer von MASIPAG. 

Der ganzheitliche Ansatz strahlt eine unglaubliche Ruhe aus – in einem gesunden System werden Schädlinge zu einfachen Elementen der Nahrungskette; selbst die reisfressenden Golden-Apple-Schnecken sind keine Gefahr, da sie als Proteinquellen für Vögel und andere Lebewesen dienen. Es gibt eigentlich nichts zu tun, außer dem Reis beim Wachsen zuzusehen. Und MASIPAG.

Vielleicht erfordert unsere neue Art, Geschichten zu erzählen eine ausgeglichene Kombination aus Aktivität und Passivität. Von MASIPAG können wir lernen, dass es sich lohnen kann, selbstsicher einen nicht vorgezeichneten Weg zu gehen – im Kollektiv, vereint durch ein positiv formuliertes Ziel, und mit dem Vertrauen, dass eine gesundes Ökosystem den Menschen unterstützt, wo es nur kann. 

Die Antwort auf’s Insektensterben? Landwirtschaft!

Mancher Landwirt ist dieser Tage besorgt: in Bayern war das Begehren Artenvielfalt das erfolgreichste je in Bayern abgehaltene, die Petition Pestizidkontrolle ist auf dem Weg, vor zwei Tagen kam schon wieder ein Bericht über den globalen Zusammenbruch der Insektenpopulation raus; im Wissenschaftsmagazin Nature Conversation wurden ungewöhnlich deutliche Worte für die Folgen der momentan beobachteten Zahlen und vor allem für die Konsequenzen der rapide einbrechenden Insektenpopulationen gefunden. Deren kurze Zusammenfassung: Wenn es so weiter geht werden unsere Ökosysteme innerhalb weniger Dekaden kollabieren. Größter Hebel dieser Dynamik? Laut jede Menger Studien (und auch der genannten) Die konventionelle Landwirtschaft.

Viele Landwirte fühlen sich durch diese Aussagen und den daraus resultierenden gesellschaftlichen Druck angegriffen; geht es schließlich um ihr persönliche Existenz und das Gefühl, sie würden mit häufig überproportionalen Arbeitslasten, Finanz- und Regulierungsdruck mehr als genug leisten. Fakt ist, dass das, was wir ‚konventionelle Landwirtschaft‘ nennen, ein historisch sehr junges System ist. Was in unseren Breiten als Normalität wahrgenommen wird, könnte deutlich anders aussehen. Wie würde es aussehen, wäre die Normalität eine Form der Landwirtschaft, die das Insektensterben bremst? Ziemlich anders. Mark Shepard’s New Forest Farm in Wisconsin/USA gibt uns eine Idee davon.

Auf 42 Hektar hat er seit 1994 eine ehemalige Maisfarm in ein hochproduktives System verwandelt, aus dem heraus er Öl, Cidre, jede Menge verschiedenes Stamm- und Strauchobst, Schweine, Hühner, Truthähne, Lämmer, Beeren, Rindfleisch, Nüsse, Spargel und einjährige Gemüse vermarktet (Der Biosprit für die Farm wird ebenfalls vor Ort produziert). Obwohl das Ganze erst Mal nach größerem Hausgartengewusel klingt, fährt Mark Shepard hier eine sehr profitable und produktive Nummer; in seinen zahlreichen Podcasts, Videos und Büchern macht er deutlich, dass er in landwirtschaftlichen, und nicht in Vorgartendimensionen denkt und arbeitet. Als kleines Beispiel nennt er einen Acre (0,4 ha) Mais, der für ca. 1200 Dollar minus Produktionskosten von etwa 250 Dollar/Acre auf den Markt geht. Aus einem Acre in seinem Anbausystem kann er beispielsweise 0,5T Esskastanien, 3T Johannisbeeren, 1T Spargel, sowie einen Landanteil für seine rotierenden Schweine und Kuhherden ziehen, was auch finanziell deutlich lohnender ist (aus seinem Buch Restoration Agriculture (2013), p.285).

Diese Art von Produktionssystem nennt er Restoration Agriculture, zu Deutsch also so etwas wie „Wiederherstellungs Landwirtschaft“. Diese Art der Polykultur (für die seine Farm natürlich nur ein Beispiel unter vielen ist), stellt großflächig Habitat her, speichert Kohlenstoff und Wasser und baut erosionsarmen, produktiven Boden auf. Und kommt ohne den Einsatz von ökologischen oder synthetischen Pestiziden aus. Shepard setzt auch in der Besiedelung seiner Flächen durch Insekten auf größtmögliche Vielfalt.

„Eine große Fläche voller Mais bedeutet das denkbar beste Habitat für Maisschädlinge. Ist das nicht offensichtlich?“

(Shepard in restoration agriculture, p. 232)

Fragt er plakativ und beschreibt, dass er daran arbeitet auf seinen Flächen eine Balance von Nutz- und Schadinsekten zu haben, die ihm erlaubt zu produzieren. „Aber um genug Insekten zu haben, die sich vom schädichen Gurkenkäfer ernähren, brauche ich erst Mal genug Gurkenkäfer. Selbst wenn du ökologische Insektizide einsetzt, vernichtest du dir die Schädlingspopulation, die so essentiell ist um die Nützlingspopulation zu füttern“. Sein Ansatz ist weit entfernt von Feldhygiene. Und funktioniert letztendlich auch durch die Vielfalt der Einkommensquellen, die den Ausfall, zum Beispiel durch Gurkenkäfer, durch einen besonders guten Ertrag anderer Pflanzen im selben Jahr ausgleichen und unter dem Strich zu gelingen scheinen.

Doch wir haben hier ein Anbausystem, welches so ziemlich alle Angriffspunkte der heutzutage konventionellen Landwirtschaft in’s Gegenteil verkehrt. Und abgesehen davon einen absolut vorzeigbaren Flächen- und Finanzertrag vorweist. Warum ist diese Form der Landwirtschaft nicht schon längst Normalität? Ein Mal weil sie anders ist, und zwar so gewaltig anders zu dem was wir unter Landwirtschaft heutzutage verstehen, dass diese Ansätze sehr schnell abgetan werden als Randlösungen. Lieber wird etwas am bestehenden System geschraubt, in Form von Blührandstreifen und verringertem Insektizideinsatz, nicht ausreichenden Maßnahmen um dem Kollaps zu begegnen, der bereits stattfindet. Des Weiteren sind Landnutzungen wie bei Shepard wahnsinnig Wissens- und ziemlich Management-intensiv. Solch ein System aufzubauen ist stark Standortabhängig, verlangt jede Menge Vorwissen und vor allem einen langen Atem bis die zum Großteil mehrjährigen Pflanzen produktiv genug sind um auskömmliches Einkommen davon zu haben. Doch haben wir eine Wahl? Es gibt weltweit Menschen, die mutig genug sind Landwirtschaft umzudenken, wir sollten ihnen dringend Gehör schenken.

Life in Syntropy – von einem Schweizer der auszog, um es regnen zu lassen

In einem seiner Videos beginnt Ernst Götsch mit einer bekannten Feststellung – jede Zivilisation hat ihren eigenen Niedergang durch eine Erschöpfung ihrer natürlichen Ressourcen selbst eingeleitet. Und obwohl wir es eigentlich besser wissen, sind wir dabei, die gleichen Fehler zu wiederholen. Wir von Soil HUB wollen Beispiele zeigen, die beweisen, dass es anders geht. Diese Motivation sollte auch das Lebenswerk des heute 70-jährigen prägen, der als Pflanzenzüchter am Eidgenössischen Institut für Pflanzenbau in Zürich begann, um mit Zwischenstopp in Costa Rica und Bolivien schließlich in Brasilien zu landen und dort in ewigen Zyklen aus Keimen, Reifen, Absterben und Zersetzung die produktivsten und komplexesten Agroforstsysteme von Lateinamerika entstehen zu lassen.

From dust to cacao

In der Nachkriegszeit aufgewachsen erlebte der Bauernsohn die rapide Industrialisierung der Landwirtschaft und den damit einhergehenden Verlust der Integration von Hecken, Mischkulturen und traditionellem Wissen in moderne Anbausysteme. Nach seinem Studium der Agronomie und einigen Jahren Festanstellung in der Züchtung fragte sich Götsch, ob es nicht produktiver sei, die Umgebung der Pflanzen hin zu ökologischem Gleichgewicht zu verbessern, statt sie genetisch resistent gegen Krankheiten und Schädlinge zu machen. Diese Forschungsfrage brachte ihn nach Costa Rica und Bolivien, bevor er in den 1990ern die 480 Hektar große Farm Olhos d’Agua im südlichen Bahia do Norte in Brasilien übernahm. Abholzung, Bergbau und intensive Bewirtschaftung hatten die Landschaft gezeichnet, degradierte Böden, versiegte Quellen und Leblosigkeit prägten das Bild. Götsch begann, Bäume, Bananen und Kakao zu pflanzen. Nach einigen Jahren der Bepflanzung fing er an, den entstehenden Wald regelmäßig auszudünnen und zurückzuschneiden und die abfallende Biomasse zu natürlichem Dünger auf dem Oberboden werden zu lassen. Die jahrzehntelange Arbeit bewährte sich; mittlerweile sind alle 14 Quellen des Grundstück zu Regen- und Trockenzeit aktiv, Flora und Fauna des ehemaligen atlantischen Regenwaldes sind zurückgekehrt, die Kakaoproduktion boomt, und die Olhos d’Agua ist das einzige Grundstück weit und breit, über dem sich aufgrund der erhöhten Verdunstung Wolken bilden und Regen fällt. Wissenschaftler_innen, Großbetriebe und Studierende der ganzen Welt kommen mit einer Frage nach Bahia do Norte: Was passiert hier?

Kooperation allen Lebens

Götsch und sein Team versuchen, Agrarsysteme den vorliegenden natürlichen Bedingungen so gut wie möglich anzupassen, sowohl in Form, als auch Funktion und Dynamik. Dabei stehen nicht die Anwendung bestimmter Methoden und Prinzipien im Vordergrund, sondern eine Änderung der Sichtweise, ein Paradigmenwechsel. Es geht um nicht weniger als unsere Haltung, mit der wir unserer Außenwelt jeden Tag begegnen. Wenn Ernst Götsch den Unterschied zwischen ökologischer und syntropischer Landwirtschaft erklärt, wird deutlich, wodurch sich seine Sichtweise kennzeichnet. Auch wenn eine ökologische Bewirtschaftung der Ackerflächen zu Verbesserung des Humusanteils und der Artenvielfalt beitragen können, bleiben die Prinzipien, auf denen sie beruht denen der konventionellen Landwirtschaft gleich – chemische Düngemittel werden durch ökologischen Dünger und Kompost ersetzt, chemische Pestizide durch mit Höchstwerten regulierte Alternativen wie Kupfer, und Monokulturen dominieren die Landschaften.

Syntropische Landwirtschaft überwindet die Idee der Trennung von produktiven und natürlichen Systemen. Der Name, eine Wortschöpfung aus „Syn“, griechisch für gemeinsam, zusammen mit und „Tropie“, griechisch für Hinwendung, Konvergenz, steht für das Konzept des Lebens selbst: Jede Form von Leben strebt Gleichgewicht an, und alle in einem lebendigen System stattfindenden Interaktionen helfen, eine positive Energie- und Komplexitätsbalance im System zu erzeugen.Was durch Pflanzen von Bäumen simpel beginnt, webt sich zu einem komplexen Netz aus symbiotischen Verbindungen, Austausch von Stoffwechselprodukten und Nahrungsketten. Nach Götsch basieren dabei alle inter- und intraspezifischen Beziehungen auf den Prinzipien Kooperation und Liebe. Durch Kommunikation zwischen allen Individuen entsteht ein einziger großer Makroorganismus, in dessen Kreisläufe sich der Mensch durch bedachtes Handeln problemlos einfügen kann. Auch nach Außen bekommt der Ansatz zunehmen Gehör: Das 2015 von Felipe Pasini und Dayana Andrade gedrehte Video „Life in Syntropy“ wurde mittlerweile in 7 Sprachen übersetzt und unter anderem bei COP 21 in Paris gezeigt.

Zurückschneiden ist wie Düngen!“

Eine besondere Rolle kommt dabei der natürlichen Sukzession zu: Durch gezieltes Design werden verschiedenen Arten von beispielsweise Bäumen, Gräsern und Kräutern so angeordnet und bewirtschaftet, dass sie letztendlich ihren eigenen Dünger produzieren können. Kontinuierliches Zurückschneiden der dichtwachsenden Bepflanzung sorgt für Lichteinfall und große Mengen organischen Materials auf der Bodenoberfläche, in der sich eine Vielzahl von Bodenmikroben wohlfühlen. Fermentative Prozesse bauen komplexe organische Moleküle in einfache organische und anorganische Substanzen ab, die direkt von den Pflanzen aufgenommen werden können. Die Kombination von natürlicher Sukzession mit Lebensmittelproduktion hat weitere Vorteile: Das Zurückschneiden regt die Wurzelaktivität der Pflanzen an und verändert die Mykorrhizenumgebung. In diesem veränderten Bodenmetabolismus entsteht unter anderem Gibberrelinsäure, ein pflanzenwachstum anregendes Phytohormon. Pflanzenwachstum fördert wiederum symbiotische Beziehungen mit Bodenmikroben, wodurch die Nährstoffverfügbarkeit in der Rhizosphäre verbesser twird. „Zurückschneiden ist wie Düngen“, sagt Götsch mit einem Lächeln, während er mit Machete durch den Wald stapft. Durch gesteigerte Atmungsaktivität der Pflanzen findet mehr Verdunstung statt, wodurch es zu mehr Wolkenbildung und Regen kommt, des weiteren binden die Pflanzen große Mengen Kohlenstoff aus der Atmosphäre. Ein Kreislauf wie im Bilderbuch.

Vom Feind zum Freund

Ein weiteres anschauliches Beispiel bietet der Umgang mit Schädlingen in der syntropischen Landwirtschaft. Seit Ende der 1980er befand sich die brasilianische Kakaoproduktion in einer schweren Krise – rund 600.000 Ha Plantagen waren von Hexenbesen betroffen, einer durch den Pilz C. perniciosa ausgelösten Krankheit. Das einzige erfolgreiche Vorgehen gegen die Plage war Kahlschlag. Da Kakao auf großen Flächen inmitten einheimischer Bäume angebaut wurde, mussten auch diese der Säge weichen. Götsch beobachtete den Pilz und die durch ihn hervorgerufene Veränderung seiner Plantage. Ebenso wie andere Pioniere der Naturwissenschaften vor seiner Zeit, z.B. Viktor Schauberger oder Chaboussou, fragte sich Götsch nach der Funktion des Pilzes in seinem System. Überzeugt davon, dass jedes lebendige System energetisches Gleichgewicht erzeugen kann, wird der Pilz vom Schädling zu einem Agenten der Optimierung von Lebensprozessen, statt Feind wird er zum Indikator für Managementbedarf. Durch gezieltes Zurückschneiden der Pflanzen wurde der natürliche Lebenszyklus des Pilzes gestört und seine Funktion unnötig, sodass er sich von alleine zurückzog.

Pestizideinsatz wird obsolet durch die Wahrnehmung von Schädlingen als Indikatoren für Schwächen des Systems, hervorgerufen durch Fehler im Design oder Management der Agrarökosysteme. Schädlinge werden zu Kollegen, Krankheiten zu Alliierten, die uns die Regeln des Makroorganismus Leben auf der Erde besser verstehen lassen und unsere Bewirtschaftung entlang der Bedürfnisse des Gesamtsystems zu verbessern. Nicht zuletzt die geänderte Bezeichnung der Prozesse und Akteure, die in der landwirtschaftlichen Produktion eine Rolle spielen, fördert ein neues Verständnis produktiver Systeme und unserer Rolle darin.

Syntropische Landwirtschaft als universelle Lösung?

Laut Götsch und seinem Team sind die Prinzipien der Syntropie in allen Klimata, Breitengraden und Anbausystemen anwendbar. Dass die Sukzessionsrate im brasilianischen Regenwald wahrscheinlich höher ist als in Brandenburg, lässt sich dennoch schwer abstreiten. Ob die syntropische Landwirtschaft zu einem Modell zukunftsfähiger Nahrungsproduktion auf allen Kontinenten werden kann, lässt sich wohl nur durch Ausprobieren erfahren. Dass große Probleme große Lösungen erfordern hat Götsch in seiner eindrucksvollen Arbeit zum Leitprinzip gemacht; allein dafür verdient er einen Artikel auf Soil Hub.

Mehr Info:

https://lifeinsyntropy.org

http://www.agendagotsch.com

Soil Hub auf der Bühne

Gestern ist Soil Hub das erste Mal auf die Bühne getreten, und zwar in der Heinrich Böll Stiftung in Berlin, gemeinsam mit Sassa Franke und Ute Scheub vom Humusnetzwerk. Der alljährliche Suppn‘ Talk nach der „Wir Haben es Satt“-Demo für eine gerechte und ökologische Landwirtschaft versammelt immer vielfältige Initiativen, Landwirt*innen und Aktionen, die sich vorstellen und vernetzen. Die Demo war rappelvoll, die Sonne war auch dabei. Das nächste Mal kann man Soil Hub übrigens beim Fair Bee Camp kommende Woche treffen, kommt vorbei!

under_cover: Bodenfruchtbarkeit in drei Tagen

Auf dem Weg in eine zukunftsfähige Landwirtschaft gibt es noch viel zu erforschen. Soil HUB ist Teil dieser weltweiten Bewegung, die Agrarkultur in Zeiten von Klimawandel und weiteren Herausforderungen neu denkt und weiterentwickelt. Soil HUB hat das Ziel, zu diesem Wissensaustausch zu Humusaufbau und Bodenmanagement beizutragen, und trifft damit einen Nerv der Zeit: Immer mehr LandwirtInnen, GärtnerInnen, Agrarfachkräfte und Interessierte nehmen private Weiterbildungsangebote in diesem Bereich wahr um von den Erfahrungen und Experimenten anderer lernen zu können. Soil Hub hat im Dezember 2018 das von der under_cover GbR organisierte “Intensivseminar Bodenfruchtbarkeit” besucht und sich mit Herz, Kopf und Händen auf das Thema Bodenfruchtbarkeit eingelassen.

Seit er 2012 gemeinsam mit seinem Studienkollegen Stefan von Bonin die GbR “under_cover – Gemeinsam für Bodenfruchtbarkeit” gegründet hat, bietet Jan-Hendrik Cropp ganzjährig Fortbildung zum Thema Bodenfruchtbarkeit in Form von Seminaren und Betriebsberatung an. Die under_cover GbR basiert ihre Arbeit auf der Leitidee der Steigerung von Bodenfruchtbarkeit in Gemüse- und Ackerbau durch das Design betriebsspezifischer Anbausysteme und -praktiken.

Hier bei sind vier Eigenschaften natürlicher Ökosysteme zentral: hohe Pflanzenvielfalt, Bodenruhe, ganzjährige Bodenbedeckung und ganzjährige Durchwurzelung des Bodens. Klingt für landwirtschaftliche Betriebe, deren Arbeit meist auf intensiver Bodenbearbeitung und maximaler Flächenausnutzung basiert, zunächst unrealistisch. Das Besondere an den under_cover-Ansätzen ist aber, dass sie nicht von einer fernen Zukunftsutopie her gedacht sind, sondern allesamt in eigenen Experimenten und in Zusammenarbeit mit Betrieben entstanden sind und erprobt wurden.

In dem dreitägigen Seminar haucht Jan-Hendrik den vier Prinzipien natürlicher Ökosysteme mit ausführlichen Beispielen Leben ein.

Am ersten Vormittag nehmen wir unsere mitgebrachten Bodenziegel unter die Lupe und bewerten sie nach dem Bodenbewertungsschema von Dr. Andrea Beste. Erstaunliche Unterschiede in Form, Krümelstruktur und Drucktoleranz bereits in den oberen 0-15cm geben ein ersten Gefühl dafür, dass Bodenbearbeitung nichts Universelles sein kann, sondern mit Augenmaß für jeden Bodentyp samt Bepflanzungsplan entworfen werden sollte! In der Boniturübung sehen wir, dass Ziegel mit tiefwurzelnden Grastypen tendenziell eine bessere Krümelstruktur und weniger Verdichtung aufweisen, als andere – was uns, zurück im Seminarraum, direkt auf die Bodenbedeckung zu sprechen kommen lässt. Mit vielen Fotos von gemulchten Anbausystemen zeigt uns Jan-Hendrick, dass Bodenbedeckung neben dem Schutz der natürlichen Bodenprozesse auch arbeitswirtschaftliche Vorteile wie Ertragssteigerung und weniger Bodenbearbeitungsaufwand mit sich bringt.

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An den zwei folgenden Tagen lernen wir viele Alternativen und Erweiterungen zur traditionellen Bodenbearbeitung kennen und gehen auf Möglichkeit der Bodenbedeckung durch Untersaaten, Zwischenfrüchte sowie in-situ- und Transfermulch ein. Verschiedene Geräte zur Bodendurchlockerung im wachsenden Bestand, zur Unkrautregulierung mit flachem Unterschnitt bis hin zu einer selbstentwickelten Maschine zur Direktpflanzung in 7-10cm dicke Mulchdecken werden vorgestellt, mit erstaunlichen Auswirkungen auf Durchwurzelung und Pflanzenwachstum! Beisaat, Untersaat, Zwischenfrüchte und Lebendmulch – alles Möglichkeiten, um den Boden trotz Hauptkultur bedeckt zu halten. Es geht um Praktisches – wie kann in den Mulch hineingepflanzt werden, wie lässt sich Direktsaat mit Zwischenfrüchten verbinden, und wie berechnet man die Düngerersparnis durch Transfermulch? Auch hier gibts einen ausführlichen Technikexkurs, bei dem man den Eindruck bekommt, Jan hat schon mit jedem Betrieb, der Mulchsysteme nutzt, zusammengearbeitet – von Scheibensech über Keyline Plow bis Grasnarbenlockerer bleibt dabei kein Werkzeug unerwähnt.

In einer Planungsübung wenden wir die erlernten Bodenbearbeitungsmethoden, sowie Mulch- und Zwischenfruchteinsatz auf von uns mitgebrachte Fruchtfolgen aus unseren Betrieben an, und sind bevor wir es merken mitten drin im Designprozess.

Was uns Jan verstehen lassen will, ist, dass Bodentyp und -zustand seine Bearberitungsmethode definieren, und nicht andersherum. Keine Bodenbearbeitung sollte ohne vorherige Bonitur stattfinden. Es wird klar, dass Fragen nach Direktsaat, Gründüngungsmischungen und Sommer- bzw. Winterzwischenfrüchten nicht unabhängig von den eigenen Voraussetzungen, der Bodenbeschaffenheit und den Möglichkeiten des eigenen Betriebs beantwortet werden können. Eine immer wiederkehrende Bodenbonitur sowie State-of-the Art-Analysen können dabei große Dienste erweisen. Er zegt außerdem, dass No-Till oder gar keine Bodenbearbeitung nicht zwangsläufig zu tatsächlichem Humusaufbau führt, und dass Pflügen dem Ziel der Garekonservierung in manchen Fällen sehr viel dienlicher ist!

Nach dem ersten Tag raucht mein Kopf, nach dem zweiten Tag fühlt es sich so an, als müssten vorher gespeicherte Informationen Platz machen damit ich Weiteres aufnehmen kann, und nach dem dritten Tag formen sich in meinem Kopf erste Ideen, wie ich das Gelernte anwenden kann – wohl das beste, was man sich als Seminarleiter wünschen kann. Mit ihrem kundenorientieren und gleichzeitig zukunftsweisenden Angebot hat die under_cover GbR ein Format erschaffen, das Brücken bauen und Ziele der regenerativen Bodenbearbeitung in greifbare Nähe rücken lassen kann.

Zwar sind wir von einem Paradigmenwechsel vor allem in der konventionellen Landwirtschaft noch weit entfernt, das Handwerkszeug, um an wichtigen Stellschrauben zu drehen, ist aber schon längst da und wird angenommen; an Tag drei verlassen mit mir 25 weitere rauchende und inspirierte Köpfe den Raum, um die Ideen von under_cover in die Welt zu tragen!

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