Welche Geschichte wollen wir erzählen?

Eigentlich wissen wir schon alles, was wir wissen müssen. Wir wissen um verheerende Verluste an Agrobiodiversität auf den Feldern, um irreparable Gesundheitsschäden bei Mensch und Tier durch Agrochemikalien, und um klimawandelbegünstigende Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft. Andererseits wissen wir auch um die Potenziale ökologischer, regenerativer, zukunftsfähiger und bodenschonender Landwirtschaft, und haben eine breite Palette an niedrig- bis hochtechnologisierten Tools zur Verfügung, um diese umzusetzen. Und tatsächlich basteln viele Pioniere auf der ganzen Welt unermüdlich an einer besseren Welt. 

Dennoch passiert weniger, als passieren könnte und müsste. Die Politik bewegt sich in ihrem ewigen Schaukelspiel zwischen Druck von Seiten der Lobby und der Wählerschaft. Uns dämmert, dass der Zustand der Welt nicht die Erfindung neuer Climate Engineering Technologien braucht, sondern vielmehr einen sozio-kulturellen Paradigmenwechseln erfordert, neue Narrative, mit denen wir uns unsere eigene Geschichte erzählen. Neue Narrative, mit denen wir Boden, Landwirtschaft und gemeinsames Wirtschaften aus einer anderen Perspektive verstehen können. Auf Soil HUB finden Geschichten aus der ganzen Welt Platz, und verknüpfen sich zu einer Idee davon, wie die Welt auch aussehen könnte. 

In diesem Beitrag möchte ich eine Initiative vorstellen, die auf den Philippinen seit 40 Jahren ihre eigene Geschichte schreibt – und dabei nicht weniger als 30000 Bäuer_innen vereint und über 1000 Reissorten selbst gezüchtet hat.

Morgens, Mittags, Abends: Reis

Auf einer meterlangen Tafel aus auf Bambus gestützten Holzbrettern türmt sich der weiß-braune Reis, dazwischen kleine Schüsseln mit Seetang-Okra-Gemisch, frisch gefangenem Fisch und Zwiebel-Gurken-Salat. Bananenblätter dienen als Tischdecken, die Hände als Besteck. Der sogenannte „Boodle-Fight“ hat auf den Philippinen Tradition, die haptische Art der Nahrungsaufnahme gehört in vielen ländlichen Regionen zum Alltag. 

Reis ist mehr als Grundnahrungsmittel – im Schnitt essen Philippinos 110 kg Reis im Jahr , das entspricht knapp 300g pro Tag; Reis füllt die Teller zum Frühstück, Mittag- und Abendessen. 

Mit der grünen Revolution erhielten auch auf den Philippinen Hochleistungs-Hybridsorten, Pestizide und synthetische Düngemittel Einzug, gestützt durch die Regierung, das 1960 gegründete philippinische Reiszüchtungsinstitut IRRI und Agrarkonzerne. Der Preis der anfänglichen erheblichen Ertragssteigerungen in der Reisproduktion zeigte sich schleichend – zwar stieg die Produktion zunächst an, Kleinbäuer_innen fielen aber in die Abhängigkeitsfalle der auf Export ausgerichteten Agrarindustrie, der sie jedes Jahr neues Hybridsaatgut abkaufen oder teure Lizenzgebühren für den Nachbau von samenfesten Sorten zahlen müssen. Viele Landwirt_innen haben zudem sowohl das praktische Wissen als auch Wissen bezüglich ihrer Rechte über eigenen Samenbau verloren. Bald nahm durch stetige Degradation der Böden sowie klimawandelbedingte Verschiebung der Regen- und Trockenzeit die Produktivität ab. Heute sind die Philippinen zwar der 9. größte Reisproduzent der Welt, weil der inländische Konsum die Produktion weit übersteigt aber auch der # 1 Reisimporteur der Welt. 

Von People‘s Organizations und Regionalvertretungen

Angesichts der steigenden ländlichen Armut gründeten einige Pioniere gemeinsam mit Wissenschaftler_innen und NGOs 1985 das Netzwerk MASIPAG (übersetzbar mit „Bäuerinnen-Wissenschaftler_innen Partnerschaft für Entwicklung“) mit der Mission, die Lebensbedingungen von ressourcenschwachen Landwirt_innen zu verbessern. Zentrales Prinzip ist hierbei die kleinbäuerliche Kontrolle genetischer und biologischer Ressourcen und assoziiertem Wissen – nur ein komplett autonomes System ermöglicht es den Produzent_innen, tatsächlich unabhängig zu sein. Dazu gehört die Erzeugung eigenen Saatguts genauso wie die Schaffung einer eigenen Organisationsstruktur, die sich auch im Fall politischer Krisen oder Naturkatastrophen halten kann. Mit Regionalvertretungen in allen drei philippinischen Inselgruppen hat das MASIPAG-Netzwerk bis heute mehr als 1000 Reissorten in eigener Regie gesammelt, gezüchtet oder vermehrt und mit diesen Sorten seine mehr als 30000 Mitglieder versorgt. Neben Anbau unterstützt MASIPAG seine Mitglieder insbesondere bei der Verarbeitung und Vermarktung ihrer Produkte und stärkt regionale Wertschöpfungsketten und Direktvermarktung der Produkte. 

Was ist es, das MASIPAG so erfolgreich macht? Was MASIPAG von anderen Initiativen unterscheidet, ist seine über die Jahre gewachsene Organisationsstruktur, die es regional, national und international handlungsfähig macht. Sowohl auf lokaler, regionaler, als auch nationaler Ebene finden sich Strukturen, Einrichtungen und Gremien, die die Arbeit von MASIPAG vernetzen. Nur Mitglieder können MASIPAG-Saatgut beziehen, und um Mitglied zu werden braucht es einen Zusammenschluss aus mindestens 10 Produzent_innen. Repräsentanten dieser sogenannten People‘s Organizations (POs) treffen sich regelmäßig in den provinziellen beratenden Gremien (PCBs), die das Herzstück von MASIPAG bilden: Sie stellen die direkteste Form der bäuerlichen Partizipation dar, und sind thematisch in fünf Fachgruppen unterteilt: Rechtliche Angelegenheiten, Organisation & Entwicklung, Klimawandelresilienz, ökologische Landwirtschaft und Bildung. Alle auf den Philippinen verfügbaren MASIPAG-Sorten sind hier registriert und für Mitglieder zugänglich. Der ausgeprägte Commons-Ansatz wird hier deutlich: Reissorten sind Gemeingut, zu dem alle im MASIPAG-Netzwerk registrierten bäuerlichen Organisationen kostenlos Zugang haben. Im Fall von Naturkatastrophen sind die PCBs die ersten, die mit der Bereitstellung von Saatgut reagieren und so den Schaden abfedern können. Die PCBs sind wiederum durch höhere Organisationsformen regional und national vernetzt und nehmen an Jahres-und Halbjahresplena teil. So haben MASIPAG es in 40 Jahren geschafft, eine Familie für viele tausen Kleinbäuer_innen zu bilden, Großteile des Landes pestizid-, herbizid- und GMO-frei zu bekommen und Agrobiodiversität in produktiver Weise am Leben zu halten.

Beim Wachsen zusehen

Auf einer zwei Fußballfelder umfassenden Fläche zum Hinterausgang der Geschäftsstelle in Nueva Ecija werden jedes Jahr alle MASIPAG-Sorten nachgebaut, um die Mitglieder mit keimfähigem Saatgut versorgen zu können. In einem Schachbrettsystem sind mit Bambusstäben ca. drei quadratmetergroße Parzellen abgesteckt; in jedem davon verbirgt sich ein Universum an Genen, Vielfalt und Geschichte. Die Sonne glitzert im stehenden Wasser, das von Fischen, Schnecken und vielen Kleinstlebewewesen bewohnt wird. „Wo Wasser ist, ist auch Leben – ohne Pestizide“ erklärt Chris, derzeitiger Geschäftsführer von MASIPAG. 

Der ganzheitliche Ansatz strahlt eine unglaubliche Ruhe aus – in einem gesunden System werden Schädlinge zu einfachen Elementen der Nahrungskette; selbst die reisfressenden Golden-Apple-Schnecken sind keine Gefahr, da sie als Proteinquellen für Vögel und andere Lebewesen dienen. Es gibt eigentlich nichts zu tun, außer dem Reis beim Wachsen zuzusehen. Und MASIPAG.

Vielleicht erfordert unsere neue Art, Geschichten zu erzählen eine ausgeglichene Kombination aus Aktivität und Passivität. Von MASIPAG können wir lernen, dass es sich lohnen kann, selbstsicher einen nicht vorgezeichneten Weg zu gehen – im Kollektiv, vereint durch ein positiv formuliertes Ziel, und mit dem Vertrauen, dass eine gesundes Ökosystem den Menschen unterstützt, wo es nur kann.