Die Antwort auf’s Insektensterben? Landwirtschaft!

Mancher Landwirt ist dieser Tage besorgt: in Bayern war das Begehren Artenvielfalt das erfolgreichste je in Bayern abgehaltene, die Petition Pestizidkontrolle ist auf dem Weg, vor zwei Tagen kam schon wieder ein Bericht über den globalen Zusammenbruch der Insektenpopulation raus; im Wissenschaftsmagazin Nature Conversation wurden ungewöhnlich deutliche Worte für die Folgen der momentan beobachteten Zahlen und vor allem für die Konsequenzen der rapide einbrechenden Insektenpopulationen gefunden. Deren kurze Zusammenfassung: Wenn es so weiter geht werden unsere Ökosysteme innerhalb weniger Dekaden kollabieren. Größter Hebel dieser Dynamik? Laut jede Menger Studien (und auch der genannten) Die konventionelle Landwirtschaft.

Viele Landwirte fühlen sich durch diese Aussagen und den daraus resultierenden gesellschaftlichen Druck angegriffen; geht es schließlich um ihr persönliche Existenz und das Gefühl, sie würden mit häufig überproportionalen Arbeitslasten, Finanz- und Regulierungsdruck mehr als genug leisten. Fakt ist, dass das, was wir ‚konventionelle Landwirtschaft‘ nennen, ein historisch sehr junges System ist. Was in unseren Breiten als Normalität wahrgenommen wird, könnte deutlich anders aussehen. Wie würde es aussehen, wäre die Normalität eine Form der Landwirtschaft, die das Insektensterben bremst? Ziemlich anders. Mark Shepard’s New Forest Farm in Wisconsin/USA gibt uns eine Idee davon.

Auf 42 Hektar hat er seit 1994 eine ehemalige Maisfarm in ein hochproduktives System verwandelt, aus dem heraus er Öl, Cidre, jede Menge verschiedenes Stamm- und Strauchobst, Schweine, Hühner, Truthähne, Lämmer, Beeren, Rindfleisch, Nüsse, Spargel und einjährige Gemüse vermarktet (Der Biosprit für die Farm wird ebenfalls vor Ort produziert). Obwohl das Ganze erst Mal nach größerem Hausgartengewusel klingt, fährt Mark Shepard hier eine sehr profitable und produktive Nummer; in seinen zahlreichen Podcasts, Videos und Büchern macht er deutlich, dass er in landwirtschaftlichen, und nicht in Vorgartendimensionen denkt und arbeitet. Als kleines Beispiel nennt er einen Acre (0,4 ha) Mais, der für ca. 1200 Dollar minus Produktionskosten von etwa 250 Dollar/Acre auf den Markt geht. Aus einem Acre in seinem Anbausystem kann er beispielsweise 0,5T Esskastanien, 3T Johannisbeeren, 1T Spargel, sowie einen Landanteil für seine rotierenden Schweine und Kuhherden ziehen, was auch finanziell deutlich lohnender ist (aus seinem Buch Restoration Agriculture (2013), p.285).

Diese Art von Produktionssystem nennt er Restoration Agriculture, zu Deutsch also so etwas wie „Wiederherstellungs Landwirtschaft“. Diese Art der Polykultur (für die seine Farm natürlich nur ein Beispiel unter vielen ist), stellt großflächig Habitat her, speichert Kohlenstoff und Wasser und baut erosionsarmen, produktiven Boden auf. Und kommt ohne den Einsatz von ökologischen oder synthetischen Pestiziden aus. Shepard setzt auch in der Besiedelung seiner Flächen durch Insekten auf größtmögliche Vielfalt.

„Eine große Fläche voller Mais bedeutet das denkbar beste Habitat für Maisschädlinge. Ist das nicht offensichtlich?“

(Shepard in restoration agriculture, p. 232)

Fragt er plakativ und beschreibt, dass er daran arbeitet auf seinen Flächen eine Balance von Nutz- und Schadinsekten zu haben, die ihm erlaubt zu produzieren. „Aber um genug Insekten zu haben, die sich vom schädichen Gurkenkäfer ernähren, brauche ich erst Mal genug Gurkenkäfer. Selbst wenn du ökologische Insektizide einsetzt, vernichtest du dir die Schädlingspopulation, die so essentiell ist um die Nützlingspopulation zu füttern“. Sein Ansatz ist weit entfernt von Feldhygiene. Und funktioniert letztendlich auch durch die Vielfalt der Einkommensquellen, die den Ausfall, zum Beispiel durch Gurkenkäfer, durch einen besonders guten Ertrag anderer Pflanzen im selben Jahr ausgleichen und unter dem Strich zu gelingen scheinen.

Doch wir haben hier ein Anbausystem, welches so ziemlich alle Angriffspunkte der heutzutage konventionellen Landwirtschaft in’s Gegenteil verkehrt. Und abgesehen davon einen absolut vorzeigbaren Flächen- und Finanzertrag vorweist. Warum ist diese Form der Landwirtschaft nicht schon längst Normalität? Ein Mal weil sie anders ist, und zwar so gewaltig anders zu dem was wir unter Landwirtschaft heutzutage verstehen, dass diese Ansätze sehr schnell abgetan werden als Randlösungen. Lieber wird etwas am bestehenden System geschraubt, in Form von Blührandstreifen und verringertem Insektizideinsatz, nicht ausreichenden Maßnahmen um dem Kollaps zu begegnen, der bereits stattfindet. Des Weiteren sind Landnutzungen wie bei Shepard wahnsinnig Wissens- und ziemlich Management-intensiv. Solch ein System aufzubauen ist stark Standortabhängig, verlangt jede Menge Vorwissen und vor allem einen langen Atem bis die zum Großteil mehrjährigen Pflanzen produktiv genug sind um auskömmliches Einkommen davon zu haben. Doch haben wir eine Wahl? Es gibt weltweit Menschen, die mutig genug sind Landwirtschaft umzudenken, wir sollten ihnen dringend Gehör schenken.