Die Humustage Berlin / Brandenburg – Ein Interview mit Udo Schäfer

Udo Schäfer hat in 2015 das erste Mal die Humustage Berlin/Brandenburg initiiert, damals kamen über 150 Landwirt*Innen, Wissenschaftler*Innen und weitere Teilnehmende in‘s Havelland, um sich zum Thema Bodenerhalt und Humusaufbau fortzubilden. Seitdem findet die Veranstaltung gegen Ende jeden Jahres statt und repräsentiert den wachsenden landwirtschaftlichen Fokus am vermeintlich so grundsätzlichen Thema Bodenaufbau. Wir wollten gern wissen, wie es zu dieser Fachtagung kam und wieso das Thema Bodenaufbau in den letzten Jahren so viele unterschiedliche Menschen bewegt.

Udo, in 2015 hast du die Humustage Berlin/Brandenburg in‘s Leben gerufen, seitdem finden sie jedes Jahr in West Brandenburg statt. Was kann man sich unter dieser Veranstaltung vorstellen?

Die Humustage sind eine Fachtagung zur regenerativen Landwirtschaft. Sie funktionieren als Verknüpfungsstelle zwischen Landwirten, Wissenschaftlern und Gärtnern, die sich für das Thema natürliche Bodenfruchtbarkeit interessieren.

Warum braucht es in dieser Region solch eine Fachtagung?

Wichtig ist das Thema Bodenaufbau in dieser Region hier, also Berlin/Brandenburg, insofern als dass wir nicht nur in Europa und Deutschland sondern insbesondere in Brandenburg auf den sandigen Böden natürlicherweise niedrige Humusgehalte haben, die in den Jahren und Jahrzehnten der intensiven Bewirtschaftung, bis weit in der DDR-Zeit hinein, noch mal drastisch gesunken sind. Was natürlich negative Auswirkungen auf den Ertrag hat. Große Bedeutung hat der Bodenaufbau hier zusätzlich, insofern als dass die Kationenaustauschkapazität (KAK) also das Nährstoffspeicher- und Abgabevermögen eines Bodens, normalerweise auf mehreren Grundlagen beruht. Der Gehalt an Bodenkolloiden (Verbindungen die Wasser speichern können) also lehmige, tonige Bestandteile, die fehlen hier im sandigen Boden ganz, der andere Teil wird vom Humusteil übernommen. So gesehen bezieht sich die Speicher- und Austauschkapazität der Böden in dieser Region praktisch ausschließlich auf den Humusgehalt. Hier ist der Kohlenstoffgehalt der Böden teils weit unter 1%. Mitteleuropäische Böden wären einigermaßen ertragsstabil wenn sie mindestens 2,2 % C haben. Aber mit unseren Werten hier sind wir im Vorstadium der Versteppung von Böden. In dieser Versteppung sind wir meiner Meinung nach schon mittendrin. Landschaftselemente wurden entfernt um effizienter zu arbeiten, die Winderosion ist hoch.

Udo Schäfer dokumentiert die Zustände der Böden in seinem Umfeld. Links ein Acker, der eher einem Sandkasten ähnelt, und dessen niedrige Humusgehalte bei Wind einfach abgetragen werden (rechts)

Wie kam es dazu, dass du die Humustage Berlin/Brandenburg in‘s Leben gerufen hast?

Mehrere Jahre hintereinander war ich auf den Humustagen in Kaindorf in Österreich, die haben dieses Jahr das 13. Mal stattgefunden. Meiner Meinung nach ist das die beste Bodentagung im deutschsprachigen Raum, die ich je erlebt habe. Viel Praxisbezug, viele unkonventionelle Ansätze. Gerald Dunst hat sie initiiert, er betreibt ein Kompostwerk und ist als Pionier der Humus- und Kompostforschung in vielen Ansätzen unterwegs. Doch im Gegensatz zu uns hier in Brandenburg haben sie in Kaindorf ja wirklich sehr Mineral- und Tonhaltige Böden. Da habe ich gesagt „Was ihr hier macht, brauchen wir in Brandenburg noch viel nötiger“- und dann in 2015 angefangen die ersten Humustage Berlin/Brandenburgs zu organisieren.

Wie bist du persönlich zum Thema Bodenaufbau gekommen?

Mit intensiven gärtnerischen Methoden die Bodenfruchtbarkeit zu erhöhen bin ich in meiner Arbeit von jeher gewohnt. Meinem Altmeister bei dem ich meine eigene Meisterausbildung gemacht habe bin ich sehr dankbar, von ihm habe ich viel bezüglich Bodenbearbeitung und Kompostierung gelernt. Diese Vielfalt der Methoden ist der Schlüssel um den Boden fruchtbar zu halten. Auf unserem Betrieb, in der Kreuterey, einem kleinen Kräuter- und Gewürzpflanzenbetrieb haben wir mit 0,9% Kohlenstoffgehalt im Boden angefangen und sind mittlerweile bei 6-9%.

Spatenprobe in der Kreuterey 2004 vs. 2014: die Messungen ergaben damals einen Kohlenstoffgehalt von 0,9% und in 2014 einen von 7,1%

Auch wenn es eigentlich höchst selten vorkommt, dass der Boden in hiesigen Breitengraden von der Natur unbewachsen gelassen wird, hatten wir hier am Anfang teils weißen Sand zu unseren Füßen. Wir haben angefangen Laubschreddergut, Rasenschnitt oder Lebendmulch einzuarbeiten und den Boden einfach nie der Sonne ungeschützt ausgesetzt. Der Boden trocknet nicht aus, der Beikrautdruck sinkt. Die Beschaffung und Einarbeitung von Gründüngung, Kompost, und viel organischem Material funktioniert auf unserer kleinen Viertelhektarfläche gut, wir haben teilweise bis zu 500-600% größere Erträge als allgemein bei unseren Kulturen, also Kräutern und Knoblauch, üblich ist.

Blühender Strauchbasilikum in der Kreuterey im Oktober

Ich denke die Skalierung dieser Methoden auf weitaus größere Flächen ist möglich, obwohl es dann ein straffes Boden- und Anbaumanagement und große Mengen organisches Material für den Humusaufbau braucht. Aber häufig sind das schon ganz simple und logische Maßnahmen, die umgesetzt werden können. Oft ist es ja so, dass in der Landwirtschaft in Zeiten der größten Sonneneinstrahlung die Felder reif sind und genau dann der Acker brach liegt. Das ist praktisch das gleiche, als ob man eine Solaranlage im Sommer abschalten würde und sagen würde „mehr brauche ich jetzt nicht“. Wirtschaftlich ist das ein No Go. Genau dann ist eigentlich die Zeit, wo wir wirklich Kohlenstoff über Zwischenfrüchte und Untersaaten in den Boden bringen könnten. Zum passenden Zeitpunkt eingesät können sie sich nach der Ernte entwickeln und Kohlenstoff fixieren, und natürlich den Bodenaufbau fördern.

Wie entwickelt sich das Thema Bodenaufbau in der Zukunft würdest du sagen?

Viele Landwirte wissen, dass wenn sie ihre sinkenden Erträge anschauen, dass sie mit dem Rücken zur Wand stehen. Wenn da nicht umgedacht wird, wird sich das fortsetzen. Der Druck wird größer, gerade mit den Klimawandelfolgen, die wir zu spüren beginnen. Einige haben das erkannt und setzen Bodenaufbaumaßnahmen um. Ich glaube das Thema Bodenaufbau geht derzeit richtig in die Breite, weil viele Landwirte erkannt haben, dass es signifikant für sie sein wird Bodenaufbau zu betreiben um bestehen zu können. Viele wollen das aber vor sich selbst auch noch nicht so zugeben, weil sie von ihren Beratern beeinflusst werden, die ihnen was verkaufen wollen. Nichts ist so lukrativ wie ein nährstoffarmer Boden, weil er viel Input braucht um Erträge zu erzielen. Viele Landwirte suchen Handwerkszeug zum Bodenaufbau, aber finden gar nicht so einfach. Die Nachfrage nach solchen Angeboten steigt und Deswegen stimmt es mich hoffnungsvoll zu sehen, Nicht zuletzt wird diese Dynamik hin zu Bodenerhalt und -aufbau auch durch die Humustage in Österreich angeschoben und durch die Veranstaltung hier. In den letzten Jahren schießen Veranstaltungen für Landwirte zu Bodenaufbau wie Pilze aus dem Boden, in jeweils sehr verschiedenen Regionen. Was gut ist, weil verschiedene Regionen auch verschiedene Bodentypen und Fragestellungen haben und lokal angepasste Modelle gefunden werden müssen.

Links zum Thema:

Website der Humustage Berlin/Brandenburg – humustage.de

Website des Betriebs von Udo & Christina – kreuterey.de

Website der Humustage in Kaindorf/AT – oekoregion-kaindorf.at