Life in Syntropy – von einem Schweizer der auszog, um es regnen zu lassen

In einem seiner Videos beginnt Ernst Götsch mit einer bekannten Feststellung – jede Zivilisation hat ihren eigenen Niedergang durch eine Erschöpfung ihrer natürlichen Ressourcen selbst eingeleitet. Und obwohl wir es eigentlich besser wissen, sind wir dabei, die gleichen Fehler zu wiederholen. Wir von Soil HUB wollen Beispiele zeigen, die beweisen, dass es anders geht. Diese Motivation sollte auch das Lebenswerk des heute 70-jährigen prägen, der als Pflanzenzüchter am Eidgenössischen Institut für Pflanzenbau in Zürich begann, um mit Zwischenstopp in Costa Rica und Bolivien schließlich in Brasilien zu landen und dort in ewigen Zyklen aus Keimen, Reifen, Absterben und Zersetzung die produktivsten und komplexesten Agroforstsysteme von Lateinamerika entstehen zu lassen.

From dust to cacao

In der Nachkriegszeit aufgewachsen erlebte der Bauernsohn die rapide Industrialisierung der Landwirtschaft und den damit einhergehenden Verlust der Integration von Hecken, Mischkulturen und traditionellem Wissen in moderne Anbausysteme. Nach seinem Studium der Agronomie und einigen Jahren Festanstellung in der Züchtung fragte sich Götsch, ob es nicht produktiver sei, die Umgebung der Pflanzen hin zu ökologischem Gleichgewicht zu verbessern, statt sie genetisch resistent gegen Krankheiten und Schädlinge zu machen. Diese Forschungsfrage brachte ihn nach Costa Rica und Bolivien, bevor er in den 1990ern die 480 Hektar große Farm Olhos d’Agua im südlichen Bahia do Norte in Brasilien übernahm. Abholzung, Bergbau und intensive Bewirtschaftung hatten die Landschaft gezeichnet, degradierte Böden, versiegte Quellen und Leblosigkeit prägten das Bild. Götsch begann, Bäume, Bananen und Kakao zu pflanzen. Nach einigen Jahren der Bepflanzung fing er an, den entstehenden Wald regelmäßig auszudünnen und zurückzuschneiden und die abfallende Biomasse zu natürlichem Dünger auf dem Oberboden werden zu lassen. Die jahrzehntelange Arbeit bewährte sich; mittlerweile sind alle 14 Quellen des Grundstück zu Regen- und Trockenzeit aktiv, Flora und Fauna des ehemaligen atlantischen Regenwaldes sind zurückgekehrt, die Kakaoproduktion boomt, und die Olhos d’Agua ist das einzige Grundstück weit und breit, über dem sich aufgrund der erhöhten Verdunstung Wolken bilden und Regen fällt. Wissenschaftler_innen, Großbetriebe und Studierende der ganzen Welt kommen mit einer Frage nach Bahia do Norte: Was passiert hier?

Kooperation allen Lebens

Götsch und sein Team versuchen, Agrarsysteme den vorliegenden natürlichen Bedingungen so gut wie möglich anzupassen, sowohl in Form, als auch Funktion und Dynamik. Dabei stehen nicht die Anwendung bestimmter Methoden und Prinzipien im Vordergrund, sondern eine Änderung der Sichtweise, ein Paradigmenwechsel. Es geht um nicht weniger als unsere Haltung, mit der wir unserer Außenwelt jeden Tag begegnen. Wenn Ernst Götsch den Unterschied zwischen ökologischer und syntropischer Landwirtschaft erklärt, wird deutlich, wodurch sich seine Sichtweise kennzeichnet. Auch wenn eine ökologische Bewirtschaftung der Ackerflächen zu Verbesserung des Humusanteils und der Artenvielfalt beitragen können, bleiben die Prinzipien, auf denen sie beruht denen der konventionellen Landwirtschaft gleich – chemische Düngemittel werden durch ökologischen Dünger und Kompost ersetzt, chemische Pestizide durch mit Höchstwerten regulierte Alternativen wie Kupfer, und Monokulturen dominieren die Landschaften.

Syntropische Landwirtschaft überwindet die Idee der Trennung von produktiven und natürlichen Systemen. Der Name, eine Wortschöpfung aus „Syn“, griechisch für gemeinsam, zusammen mit und „Tropie“, griechisch für Hinwendung, Konvergenz, steht für das Konzept des Lebens selbst: Jede Form von Leben strebt Gleichgewicht an, und alle in einem lebendigen System stattfindenden Interaktionen helfen, eine positive Energie- und Komplexitätsbalance im System zu erzeugen.Was durch Pflanzen von Bäumen simpel beginnt, webt sich zu einem komplexen Netz aus symbiotischen Verbindungen, Austausch von Stoffwechselprodukten und Nahrungsketten. Nach Götsch basieren dabei alle inter- und intraspezifischen Beziehungen auf den Prinzipien Kooperation und Liebe. Durch Kommunikation zwischen allen Individuen entsteht ein einziger großer Makroorganismus, in dessen Kreisläufe sich der Mensch durch bedachtes Handeln problemlos einfügen kann. Auch nach Außen bekommt der Ansatz zunehmen Gehör: Das 2015 von Felipe Pasini und Dayana Andrade gedrehte Video „Life in Syntropy“ wurde mittlerweile in 7 Sprachen übersetzt und unter anderem bei COP 21 in Paris gezeigt.

Zurückschneiden ist wie Düngen!“

Eine besondere Rolle kommt dabei der natürlichen Sukzession zu: Durch gezieltes Design werden verschiedenen Arten von beispielsweise Bäumen, Gräsern und Kräutern so angeordnet und bewirtschaftet, dass sie letztendlich ihren eigenen Dünger produzieren können. Kontinuierliches Zurückschneiden der dichtwachsenden Bepflanzung sorgt für Lichteinfall und große Mengen organischen Materials auf der Bodenoberfläche, in der sich eine Vielzahl von Bodenmikroben wohlfühlen. Fermentative Prozesse bauen komplexe organische Moleküle in einfache organische und anorganische Substanzen ab, die direkt von den Pflanzen aufgenommen werden können. Die Kombination von natürlicher Sukzession mit Lebensmittelproduktion hat weitere Vorteile: Das Zurückschneiden regt die Wurzelaktivität der Pflanzen an und verändert die Mykorrhizenumgebung. In diesem veränderten Bodenmetabolismus entsteht unter anderem Gibberrelinsäure, ein pflanzenwachstum anregendes Phytohormon. Pflanzenwachstum fördert wiederum symbiotische Beziehungen mit Bodenmikroben, wodurch die Nährstoffverfügbarkeit in der Rhizosphäre verbesser twird. „Zurückschneiden ist wie Düngen“, sagt Götsch mit einem Lächeln, während er mit Machete durch den Wald stapft. Durch gesteigerte Atmungsaktivität der Pflanzen findet mehr Verdunstung statt, wodurch es zu mehr Wolkenbildung und Regen kommt, des weiteren binden die Pflanzen große Mengen Kohlenstoff aus der Atmosphäre. Ein Kreislauf wie im Bilderbuch.

Vom Feind zum Freund

Ein weiteres anschauliches Beispiel bietet der Umgang mit Schädlingen in der syntropischen Landwirtschaft. Seit Ende der 1980er befand sich die brasilianische Kakaoproduktion in einer schweren Krise – rund 600.000 Ha Plantagen waren von Hexenbesen betroffen, einer durch den Pilz C. perniciosa ausgelösten Krankheit. Das einzige erfolgreiche Vorgehen gegen die Plage war Kahlschlag. Da Kakao auf großen Flächen inmitten einheimischer Bäume angebaut wurde, mussten auch diese der Säge weichen. Götsch beobachtete den Pilz und die durch ihn hervorgerufene Veränderung seiner Plantage. Ebenso wie andere Pioniere der Naturwissenschaften vor seiner Zeit, z.B. Viktor Schauberger oder Chaboussou, fragte sich Götsch nach der Funktion des Pilzes in seinem System. Überzeugt davon, dass jedes lebendige System energetisches Gleichgewicht erzeugen kann, wird der Pilz vom Schädling zu einem Agenten der Optimierung von Lebensprozessen, statt Feind wird er zum Indikator für Managementbedarf. Durch gezieltes Zurückschneiden der Pflanzen wurde der natürliche Lebenszyklus des Pilzes gestört und seine Funktion unnötig, sodass er sich von alleine zurückzog.

Pestizideinsatz wird obsolet durch die Wahrnehmung von Schädlingen als Indikatoren für Schwächen des Systems, hervorgerufen durch Fehler im Design oder Management der Agrarökosysteme. Schädlinge werden zu Kollegen, Krankheiten zu Alliierten, die uns die Regeln des Makroorganismus Leben auf der Erde besser verstehen lassen und unsere Bewirtschaftung entlang der Bedürfnisse des Gesamtsystems zu verbessern. Nicht zuletzt die geänderte Bezeichnung der Prozesse und Akteure, die in der landwirtschaftlichen Produktion eine Rolle spielen, fördert ein neues Verständnis produktiver Systeme und unserer Rolle darin.

Syntropische Landwirtschaft als universelle Lösung?

Laut Götsch und seinem Team sind die Prinzipien der Syntropie in allen Klimata, Breitengraden und Anbausystemen anwendbar. Dass die Sukzessionsrate im brasilianischen Regenwald wahrscheinlich höher ist als in Brandenburg, lässt sich dennoch schwer abstreiten. Ob die syntropische Landwirtschaft zu einem Modell zukunftsfähiger Nahrungsproduktion auf allen Kontinenten werden kann, lässt sich wohl nur durch Ausprobieren erfahren. Dass große Probleme große Lösungen erfordern hat Götsch in seiner eindrucksvollen Arbeit zum Leitprinzip gemacht; allein dafür verdient er einen Artikel auf Soil Hub.

Mehr Info:

https://lifeinsyntropy.org

http://www.agendagotsch.com