Ackerboden zu Kohlenstoffsenken – Buchvorstellung „The Carbon Farming Solution“ von Eric Toensmeier

Zu 408ppm besteht unsere Atmosphäre momentan (im April 2018) aus Kohlenstoffdioxid. Satte 50ppm über dem Wert, der allgemein als ‚tipping-point‘ für unumkehrbare Prozesse steht, die einen selbstverstärkenden Klimawandel bedeuten können. In den letzten Wochen sind Ergebnisse über die messbare Verlangsamung des Golfstroms durch die Medien gegangen. Gerade haben wir einen temperaturmäßigen Winter-Vorsommerübergang innerhalb von zwei Tagen hinter uns. Klimawandel ist Realität und beinflusst schon längst den Alltag vieler Menschen, im besten Fall durch wechselhaftes Wetter, in vielen Fällen deutlich drastischer; laut WHO kommen derzeit geschätzte 150 000 Menschen durch Klimawandelfolgen um‘s Leben. Die Szenarien, die vor uns stehen sind bedrückend, zumal der Kohlenstoffgehalt der Atmosphäre steigt und steigt. Schnelle Lösungen scheinen nicht in Sicht, die meisten Geoengineering-Ideen wirken unrealistisch bis haarsträubend. In seinem Buch „The Carbon Farming Solution – A Global Toolkit of Perennial Crops and Regenerative Agriculture Practices for Climate Change Mitigation and Food Security“ zeichnet Eric Toensmeier ein weiteres mögliches Szenario, welches sowohl realistischer als auch hoffnungsvoller ist, als das Meiste, was zu praktischen Herangehensweisen an den Klimawandel derzeit zu lesen ist.

Schon lange ist bekannt, dass landwirtschaftliche Böden als natürliche Kohlenstoffspeicher dienen und dass wir Maßnahmen ergreifen können, die diese Fähigkeit der Böden steigern – gerade die industriell geprägte Landwirtschaft des letzten Jahrhunderts hat ehemals vorhandende Kohlenstoffreserven der Böden durch intensive Bodenbearbeitung und Mineraldüngereinsatz verringert. Der damals freigesetzte Kohlenstoff ist jetzt als CO2 in der Atmosphäre wiederzufinden. Wie bringen wir also Kohlenstoff zurück in den Boden? Toensmeier hat sich mit diesem Buch einer Mammutaufgabe angenommen. „Carbon Farming“ beschreibt das breite Spektrum der Maßnahmen um die Kohlenstoffgehalte eines Anbausystems dauerhaft anzuheben. Toensmeier nimmt uns gleich zu Anbeginn des Buches mit durch aktuelle Klimawandelszenarien, die Grundlagen und strittigen Punkte des Carbon Farming und zeigt dessen Relevanz für die Produktivität als auch für die Klimawandelanpassungsmöglichkeiten der gesamten Spannbreite global möglicher Landwirtschaftsformen. Das eigentlich Herzstück seines Werks ist jedoch eine enzyklopädisch anmutende Sammlung von Pflanzen, die für die verschiedenen Ausprägungen kohlenstoffanreichender Anbauformen geeignet sind.

Letztere sind häufig perennierend, also mehrjährig. Ihre Integration in die jetzige Landwirtschaft würde einiges ändern: momentan sind fast 90% der weltweiten Ackerflächen durch einjährige Kulturpflanzen genutzt. Toensmeier zeigt zum einen Beispiele, wie Nutzhölzer, mehrjährige Getreide- und Gemüsepflanzen sowohl für Kleinbäuerinnen und -bauern als auch für industrielle Landwirtschaft sinnvoll integrierbar sind. Vorgestellte Pflanzen reichen von mehrjährigen Getreidezüchtungen (beeindruckende Arbeit durch u.a. das Land Institute, landinstitute.org), über bislang wenig genutzte pflanzliche Proteinquellen wie bislang nur kleinbäuerlich genutzte Baummilchgewinning (durch Spezies wie zB Brosimum spp.) oder industriell hergestelltes Leaf Protein Concentrate aus Polykulturen. Im Teil der sich um die nicht-essbaren Nutzpflanzen dreht, zeichnet Toensmeier ein Szenario, wie die starke Erdölabhängigkeit vieler Industrien durch pflanzliche Rohstoffe zu ersetzen wäre, ohne auf problematische Anbauformen wie z.B. Raps- oder Maismonokulturen zurückzugreifen (die insbesondere in der Kritik stehen als Energiegewinnungspflanzen, die auf Flächen wachsen, die Nahrung produzieren könnten). Er stellt zum Beispiel den Milchorangenbaum (Maclura pomifera) als für gemäßigte Klimazonen geeignete Baumart vor, dessen Samen Rohstoff sowohl für Energie- als auch für weitere Rohstoffgewinnung (z.B. Enzyme) sein können und der sich bestens für integrierte Anbausysteme eignen würde.

Des Weiteren beschreibt erAnbausysteme, die mehrjährige Pflanzen weitaus besser integrieren können als es jetzige Äcker vermögen. Diese bestehen häufig in einer Kombination von Nutzhölzern mit bestehender Viehhaltung oder Nutzpflanzung. Worauf Toensmeier leider sehr wenig eingeht, ist die Möglichkeit konservierender Bodenbearbeitungstechniken. Diese Entscheidung begründet ermit den, laut seiner Recherchen, vernachlässigbaren Auswirkungen auf die CO Speicherkapazität eines Bodens/Anbausystems. Dennoch wäre zumindest ein Überblick verfügbarer Techniken und Vorgehensweisen schön, allein um die Zentralität eines lebendigen Bodens für eine nachhaltige und eben kohlenstoffspeichernde Landwirtschaft zu unterstreichen.

Die Vorstellung einer Landwirtschaft, die einen weitaus höheren Anteil als momentan an mehrjährigen Pflanzen aufweist ist gewöhnungsbedürftig. Toensmeier fährt einen realistisch erscheinenden Mittelweg um dieses Szenario aufzubauen, indem er deutlich macht, dass diese eine komplexe Angelegenheit ist, die eine Beteiligung sehr verschiedener Teile der Gesellschaft voraussetzt. Er geht auf so heterogene Akteursgruppen wie Kleinbäuerinnen und -bauern, Viehfutterproduzenten oder auch die Schmiermittelindustrie ein. Wieder mal wird deutlich wie viel unseres Alltags direkt vom Boden abhängt, wenn Toensmeier zeigt, wie sowohl die Produktion meines Frühstücks, meiner Schuhsohlen, meiner Bekleidung oder auch meiner Heizenergie Potential für kohlenstoffspeichernde Anbauformen besteht. Der Bogen den er spannt ist immens; doch schafft er es alles in eine koherente Reihenfolge zu setzen, die einem den Kopf klingeln lässt und gleichzeitig Verständnis weckt für die immense Aufgabe vor wir stehen, wollen wir die Chance nutzen landwirtschaftliche Böden zu Kohlenstoffsenken zu machen.

Um den Weg nach vorne zu verdeutlichen, schließen sich am Ende des Buches fünf Unterkapitel an, die zeigen an welchen Punkten der Gesellschaft gehandelt werden muss, um Carbon Farming in großem Maßstab umzusetzen. Auch diese lassen einen sprachlos zurück. Toensmeier beleuchtet eine dermaßen vielfältige Ansammlung an Akteuren, dass man gar nicht weiß, wo das Ganze überhaupt anfangen soll. Und da kommt dann das letzte Unterkapitel zur Hilfe, nordamerikanisch-pragmatisch listet es stichpunktartig auf, wer wo und wann aktiv werden kann. Dieser Inhalt macht das Buch noch sehr viel wertvoller, da es nicht nur eine Enzyklopädie bleibt, sondern alles daran setzt, praktischen Wandel zu ermöglichen.

Doch weiterhin scheint eine zentrale Herausforderung das Fehlen einer zentralen Aussage zum quantitativen Potential der Kohlenstoffspeicherung durch Landwirtschaft zu sein. Häufig genannte Studien klaffen in ihrer Einschätzung auseinander, ob Carbon Farming uns jährlich (IPCC, 2014 in Toensmeier, p.36) oder innerhalb von 50-100 Jahren (Lal, 2014 in Toensmeier, p. 36) zurück zu 350ppm bringen kann. Genaue Berechnungen sind auf Grund der oben genannten Komplexität sehr schwer herzustellen, zumal die Kombination von Kohlenstoffspeicherung (Sequestrierung) und gleichzeitiger Reduzierung unseres Klimagas-Ausstoßes (Mitigation) für eine wirksame Reaktion auf den Klimawandel unumgänglich ist.

Was mich trotz all dieser Herausforderungen am meisten an Carbon Farming bewegt, ist dass es als eine der wenigen Möglichkeiten erscheint, die ab sofort umsetzbar und wirksam sind und in all ihren weiteren positiven Effekten (Wasserspeicherung, Biodiversität, nachhaltige, kleinstrukturierte Anbausysteme) so viel win-win-win bedeutet, dass unabhängig von mittleren oder hohen Kohlenstoffspeicherkapazitäten eine Umsetzung in jedem Fall sinnvoll ist.

 

Quellenangaben:

Sehmsdorf, J. (2017). Erfolgsfaktoren im Erwerbs-Gemüsebau auf kleiner Fläche, Studiengang Ökolandbau und Vermarktung B.Sc., HNE