Microfarming – Klein bleiben als Erfolgsprinzip

Laut dem Bundes-Bodenschutzgesetz, hält die „gute fachliche Praxis“ Landwirte dazu an „die Fruchtbarkeit des Bodens, als insbesondere der standort- und nutzungstypische Humusgehalt, zu erhalten oder ggf. nachhaltig zu verbessern“. Den Boden zu pflegen, ihn aufzubauen und zu ernähren – all das ist auch im klassischen Bild von denen, die das Land bewirtschaften, enthalten. Sozusagen eine Berufsbeschreibung. Doch ist ebenso bekannt, dass heutige Landwirtschaftsformen, zumindest in Europa, Boden in vielen Fällen verdichten, Humusgehalt und organische Substanz abbauen. Und selbst wenn der Humusgehalt stabil gehalten werden kann, bedeutet es häufig ein Stabilität auf relativ niedrigem Niveau. Entgegen landläufiger Meinungen und Vorstellungen betrifft dies häufig auch den Ökolandbau. Kein Landwirt ist spezifisch daran interessiert Bodenabbau zu betreiben; doch Bodenaufbau bedeutet Kosten und komplexe Abläufe, die solcherlei Praktiken häufig zunächst ausschließen.

Dass gesunder Boden unabdingbar ist für eine Landwirtschaft, die mittelfristig noch Nahrungsmittel produzieren möchte, ist bekannt. Dazu kommen weitere Faktoren, die aus einer Landwirtschaft deren Hauptfokus Bodenaufbau ist, eine Win-Win-Win-Win Situation machen. Bodenaufbau, der zur Steigerung von Humus- und somit Kohlenstoffgehalt führt, hat das riesige Potential CO2 aus der Atmosphäre dauerhaft zu binden und bietet somit nichts weniger als eine ökologische, bereits verfügbare Möglichkeit den Klimawandel zu bremsen. Bodenaufbau führt zur Bildung von Habitat – ein großer Teil unser biologischen Vielfalt bevölkert den Boden. Wissenschaftlich betrachtet kennen wir etwa 1% dieser Vielfalt, wissen aber dass die restlichen 99% sich gerade recht rapide aus unseren Agrarsystemen verabschieden. Gleichzeitig wird momentan immer deutlicher, wie sehr ein lebendiger Boden die Ernte und die Resilienz eines gegebenen Agrarsystems steigern kann. Je mehr Humusgehalt ein Boden aufweist, desto größer ist seine Möglichkeit Klimawandelanpassung zu ermöglichen, und zwar in beeindruckendem Maßstab, vor allem was die Wasseraufnahme- und -abgabekapazität betrifft. Genug Gründe sich zu fragen, wie eine Landwirtschaft in Europa aussehen müsste, um den Boden aufbauen statt abbauen zu können.

Ein Faktor, der diesem Ziel diametral entgegensteht, ist das hohe Lohnniveau, welches arbeitskraftintensive Maßnahmen häufig auszuschließen scheint. Bodenaufbau ist arbeits- und wissensintensiv und führt häufig nicht zu einer kurzfristigen Gewinnsteigerung, die die Kosten rechtfertigen würde. Die aufkommende Bewegung der Mikrofarmen bietet für dieses Dilemma Auswegsszenarien.

Landwirtschaften auf kleiner Fläche sind zunächst nichts Neues, eher das älteste Modell welches es gab und gibt. Wenn ich von Mikrofarmen schreibe, beziehe ich mich auf eine Form von ökologischem Intensivanbau, der es ermöglicht auf kleinster Fläche ein gutes Auskommen zu haben, der sich durch ein hohes Maß an händischer Arbeit auszeichnet und der in besonderem Maße auf Bodenaufbau achtet (im nordamerikanischen Raum ist „micro farming“ auch durch ähnliche Kriterien definiert, Flächengrößen changieren zwischen 1000-20.000m², häufig gehört bodenkonservierende Bodenbearbeitung und der hohe Einsatz von Handgeräten zur Definition dazu. Dadurch grenzen sie sich auch in Teilen ab von Kleinstlandwirtschaften, die weltwelt verschiedene Formen annehmen). Bekannte Beispiele kommen vor allem aus dem nordamerikanischen Raum, allen voran Jean-Martin Fortier, der gemeinsam mit seiner Frau Maude-Helene auf ca. 6000m² ca 120.000 kanadische Dollar erwirtschaftet, Curtis Stone, der sich auf urbanen Anbau konzentriert und behauptet auf 10.000m² 100.000 Dollar erwirtschaften zu können, oder auch der Großvater dieser nordamerikanischen Bewegung, Eliot Coleman, auf dessen Bücher sich die meisten der neuen Mikrofarmer beziehen.

Auch in Deutschland gibt es gerade im Gemüsebau noch Kleinstlandwirtschaften. In einigen Bundesländern haben z.B. über 40% der Gemüsebaubetriebe weniger als zwei Hektar Anbaufläche (Strohm, Kathrin; Garming, Hildegard; Dirksmeyer, Walter (2016) in Sehmsdorf, 2017). Doch Intensivanbau findet in wenigen Fällen statt, das Lohnniveau ist häufig sehr niedrig, viele Gemüsebaubetriebe sind durch die Einführung des Mindestlohns in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. Die neue Welle der Kleinstlandwirtschaften verspricht neben hohem ökologischen Fokus auch soziale Nachhaltigkeit, die Arbeitsstunden minimiert und Lohnniveaus erreicht, von denen viele deutsche Gemüsebäuerinnen und -bauern nur träumen können. Doch was hat das Alles mit dem Boden zu tun?

Die genannten Mikrofarmen würden ohne einen hochlebendigen Boden keinen Bestand haben können. Prinzip fast aller dieser genannten Beispiele sind z.B. no-till, also bodenkonservierende Bearbeitungsmethoden. Diese sind arbeitsintensiv, in den genannten Systemn aber möglich, da die geringe Fläche den Arbeitseinsatz in der Gesamtsumme machbar hält. Im Gegenzug werden hochproduktive Landwirtschaften aufgebaut, die pro Fläche weitaus mehr Ernte produzieren können, als ein konventioneller Großbetrieb. Dies ist bekannter Fakt, der auch viele der kleinbäuerlichen Betriebe weltweit einschließt (In 1962 schlug Amartya Sens Beobachtung der „Inverse Farm Size to Productivity Relationship“ große Wellen, und ist bis heute Bestandteil agrarökonomischer Studien (Sen, 1962)). In diesen Kleinstlandwirtschaften kann Boden aufgebaut werden, weil die kleine Fläche einen intensiven Arbeitsfokus erlaubt und ebenso die kleinschrittigen, komplexen Maßnahmen um ihn so zu pflegen, dass er in Lebendigkeit zu- und nicht abnimmt. In Nordamerika ist längst eine Microfarming-Bewegung entstanden, die denen ein machbares Bild abgibt, die von einer Existenz in der Landwirtschaft träumen, aber auf Grund der finanziellen Prekarität und der Arbeitsbedingungen davor zurückschrecken.

Hier in Europa muss man sehr viel genauer suchen, bis man über ähnliche Beispiele stolpert. Die Bec Hellouin Farm in der Normandie (1,2 Hektar groß) ist äußerst bekannt geworden, aus ihren Ausbildungsprogrammen heraus haben sich weitere ähnlichen Modelle, hauptsächlich in Frankreich, gebildet. In Schweden hat sich Engländer Richard Perkins (ca 2 Hektar Intensivanbau plus Wald- und Ausgleichsflächen) gemeinsam mit seiner Frau die Ridgedale Permaculture Farm aufgebaut, seine youtube Videos erfreuen sich einer großen follower-Gemeinde. In all den genannten Mikrofarmen geht es hauptsächlich um Gemüseanbau; teilweise findet aber auch Tierhaltung statt (z.B. im Fall von Richard Perkins).

Dass das Thema in Deutschland durchaus Aufmerksamkeit erfährt, war auf dem Besuch von J.M. Fortier in Fulda letzten November, auf der Tagung der SÖL (Link), wo mit 120 Teilnehmenden eine ausgebuchte Veranstaltung stattfand. Dennoch ist mir in Deutschland bislang kein Betrieb untergekommen, der das Modell der Mikrofarmen so wie oben beschrieben umsetzt, doch wird es diese sicherlich geben. Ich bin gespannt, von diesen zu hören und freue mich auf Kommentare.

Quellenangaben:

Sehmsdorf, J. (2017). Erfolgsfaktoren im Erwerbs-Gemüsebau auf kleiner Fläche, Abschlussarbeite Studiengang B.Sc. Ökolandbau und Vermarktung, HNE Eberswalde

Sen, A. K. (1962). An Aspect of Indian Agriculture The Economic Weekly, 243-246