Was ist Boden? – Eine sprachliche Annäherung

Der Boden – “wir gehen drauf, wir stehen drauf, für ein Leben voller Schall und Rauch1” – in einer Welt voll Fluktuation, Veränderung und Unsicherheit scheint der Boden die letzte Bastion des Stillstands, eine unveräußerliche Konstante in Raum und Zeit, und ein Synonym für Zuverlässigkeit und Realität zu sein. Zumindest möchte niemand den Boden unter den Füßen verlieren, und einen Scharlatan, der sich in größenwahnsinnigen Vorstellungen verliert, wollen andere auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Das könnte dieser allerdings zu Recht als bodenlose Frechheit empfinden.

Der Boden auf dem wir uns bewegen, die Erdoberfläche, ist eine feine Kruste, die uns erlaubt, in der Gegenwart zu verweilen; sie ist die physische Manifestation einer universellen Grenze, die uns von allem darunter Liegenden trennt, von allem Vergangenen und allem Zukünftigen. Diese Grenze zu durchbrechen beinhaltet Schmerz; denn weder am Boden zerstört zu sein, noch sich in Grund und Boden zu schämen sind erstrebenswerte Gefühle. Nein, der optimale Zustand scheint die aufgerichtete Haltung auf dieser Kruste zu sein, ganz boden-ständig, bescheiden und realistisch. Weder ohne Boden wollen wir sein, denn ein Fass ohne Boden kann keinen Inhalt halten, läuft immer aus je gutmütiger wir es befüllen; noch wollen wir zu tief im Boden stecken, gar in ihm versinken. Der Boden in zweifacher Ausführung macht uns skeptisch – im doppelten Boden vermischt sich Realität mit Schwindel, Illusion und Täuschung.

Bei dieser Vielfalt an Redewendungen stellt sich die Frage – Wo hat unser Verständnis von Boden seinen Ursprung?

In der Menschheitsgeschichte stellt Boden seit jeher die Bedingung unserer Existenz auf diesem Planeten dar. Ob Gaia in der griechischen Mythologie oder das Sinnbild von Pachamama in den amerikanischen indigenen Kulturen – die Erdengottheiten sind stets weiblicher Natur und Synonym für Fruchtbarkeit, Großzügigkeit und Vollkommenheit. Um ihnen Dank zu erweisen oder den Ausdruck ihres Ärgers in Form von Missernten, Unwettern oder Krankheiten zu verhindern, wird ihnen in vielen Kulturen bis heute mit (Opfer-) Gaben gehuldigt.

Mit der Entstehung der klassischen Volkswirtschaftslehre wandelte sich das Verständnis von Boden als existenzgebender Mutter Erde hin zu Boden als einem der drei Produktionsfaktoren neben Kapital und Arbeit. Alle Produktionsfaktoren sind knapp und können durch ebenwertige Mengen gegeneinander getauscht werden. Den Tauschwert bestimt bei Boden die Bodenrente, also der Ertrag, den eine bestimmte Fläche Boden abwirft. Durch dieses Verständnis wird Boden zur Ware – beliebig kompensierbar durch ebenwertige Mengen an Kapital und Arbeit. Im kapitalistischen System sind alle Produktionsfaktoren in privater Hand. Boden ist nicht länger Gemeingut, sondern Privatbesitz. Die Folgen der Eigentumsbildung beschrieb Rousseau 1754:

Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen „Dies gehört mir“ und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: „Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, die Erde aber niemandem gehört.2

Überall dort, wo der Boden als Privateigentum aufgefasst wird, findet eine Inwertsetzung statt. Diese ist meist quantitativ – je größer das Stück Land, desto höher der Preis. Je mehr Betriebsfläche, deste höher die Subventionen. Doch ohne Qualität ist die Menge völlig irrelevant. Ohne Fruchtbarkeit ist Boden nichts als inerte Substanz, ein lebloses Gemisch aus Stein, Staub und Resten, die darauf warten, durch Zersetzung die Basis von Neuem zu werden. Ebendieses Durchleben von Zyklen, von Enstehung und Zerstörung, diese dauerhaft wiederkehrende Unbeständigkeit ist es, die Boden eine Geschichte gibt und ihn zu Kulturgut macht. Um von der Inwertsetzung zur Wertschätzung zu können brauchen wir ein quantitatives und qualitatives Verständnis von Boden im Laufe der Zeit. Die Bearbeitung des Bodens durch den Menschen, das Heranziehen und die Pflege von Erdfrüchten, das ist die Kultivierung des Bodens, die Agri-Kultur, seit Jahrhunderten auf dem gleichen Prinzip basierend und ständig im Wandel. Wenn der Boden erst als Überfluss und Reichtum gebende Quelle des Lebens wahrgenommen wurde, diese Qualität später in Form von Produktionsgleichungen Ausdruck fand – was ist das nächste Gesicht, die nächste Bedeutungsform, die wir Boden geben wollen? Wie wollen wir den Boden “ansprechen”?

Wie wir Dinge benennen verändert die Art, wie wir über sie denken. Wie wir die Geschichte von uns und den Böden dieser Welt erzählen, hängt zunächst von den Worten ab, die wir dafür verwenden. Dass wir uns hierbei kreativer Wortschöpfungen und Umdeutungen von Redewendungen und Sprichwörtern bedienen dürfen, steht außer Frage. Schließlich geht es um nicht weniger als unsere Existenzgrundlage – den Boden allen unseren Lebens. In diesem Sinne ist dieser Text als bodenständige Aufforderung zu verstehen, dem Boden eine Stimme zu geben, so wie Candide es im gleichnamen Roman von Voltaire tat, indem er sagte: “Il faut cultiver notre Jardin3” – denn nur auf fruchtbarem Grund und Boden gedeihen die Ideen, die die Früchte der Zukunft sind!

1Auszug aus dem Refrain von “MfG – mit freundlichen Grüßen” der Fantastischen Vier

2Rousseau, Jean Jacques (1754): Discours sur l’inegalité

3Zu deutsch etwa: “Wir müssen unseren Garten bestellen”; Letzter Satz aus Voltaire (1759): Candide ou l’optimisme.