Interview Hans Degenhart – Boden & Klimawandel

Hans Degenhart ist ein großer Grund, warum diese Seite existiert. Wir haben uns im Herbst 2016 das erste Mal in Berlin getroffen, da ich mit seinem Sohn befreundet bin. Nach einiger Zeit erwähnte ich, dass mich der Einfluss, den Böden auf den Klimawandel haben, zur Zeit sehr interessiert, sprang Hans vor Begeisterung fast in die Luft und ließ mich wissen, dass er zu diesem Thema seit Jahren recherchiert und unter anderem einen dicken Ordner voller Studien hätte. Er lud mich ein diesen anzuschauen und so fuhr ich im März 2017 zu ihm nach Buchloe in Bayern. Wir haben gefühlte zwei Tage lang mit Bodengesprächen verbracht, ich fuhr inspiriert, mit Büchern und besagtem Ordner wieder los. Kurze Zeit später verstarb Hans ganz unerwartet. Mit ihm habe ich das erste Interview zum Thema Boden & Klima geführt:

Wie bist du zum Thema Boden gekommen, kannst du dich erinnern an welchem Punkt Du dir erstmals bewusst Gedanken über die Verbindung von Boden & Klima gemacht hast?

Ich habe 1999 angefangen mich mit dem Thema Peak Oil zu beschäftigen und in den Beiträgen, die ich dazu gelesen habe, kam immer wieder das Thema Humusaufbau vor. Ein paar Jahre danach habe ich das Buch von dem Australier gelesen, Priority One, der vorrechnete, dass man durch Humusaufbau das überschüssige CO2 binden kann, dass man zurückkommen konnte auf 280ppm. Und inzwischen sind wir schon bei 400ppm .. und es gibt nach wie vor Berechnungen, die zeigen, dass man auf 350ppm runter kommen kann … die moderne Industriezivilisation entfernt sich rasant von der Natur. Wenn ein Mensch noch Verbindung zur Natur hat, muss er sich für lebendige Erde interessieren. Der Impuls kam von meinem Großvater, einem begeisterten Gärtner, der mich öfter belehrte: „Hänschen, Humus ist Leben!“.

Was in den Klimaverhandlungen gemacht worden ist, das ist absolut ungenau. Es wird mit technologischen Lösungen operiert, mit capture & storage, wo man weiß, dass es nicht funktioniert, da die Kohleverstromung dann viel zu teuer wird. In Paris ist hinten rum ein Konzept namens biomass combustion and CO2 storage kursiert. Diese Denkweise, die sich da verbreitet hat, setzt darauf, dass man das Problem auch noch in 30, 40, 50 Jahren lösen kann, man braucht sich jetzt gar nicht anstrengen. Das ist eine Denkweise wie sie auch in der Finanzökonomie zu finden ist, dort nennt sie sich Diskontierung, es wird alles kleingerechnet. Und offenbar hat dieses Konzept die Parteien in Paris bewogen, den Klimavertrag anzunehmen, weil sie wissen sie müssen sich jetzt nicht anstrengen, sondern sie können das nach hinten vertagen. In Kopenhagen waren Konzepte vorhanden, die zeigten wie man durch Humusaufbau die Bodenfruchtbarkeit und Klimaresilienz von Landbau erwirkt und gleichzeitig große Mengen CO2 binden kann. Da gab es ja auch schon Versuche mit lokalen CO2 Handelssystemen, Offset Systemen sozusagen. Konzerne und Fluggesellschaften haben sich darum gekümmert ein gutes Gewissen erhandeln zu konnen. Ich hatte in Kopenhagen das Gefühl „da muss ein Offset-Handel mit Humusaufbau in die Gänge kommen.“

Wie würdest du die Gründe benennen, auf Grund derer das Thema Bodenfruchtbarkeit im Klimawandel so unsichtbar bleibt?

Ich würde sagen, dass der Wachstumszwang der fossilabhängigen Industriegesellschaft dazu führt. Den Politikern ist einfach klar, dass die Real- und Finanzökonomie kollabieren würde, würde man einen effektiven CO2 Handel einführen. Es gab damals eine Berechnung von FEASTA (?), die besagte, dass eine Tonne CO2 400 Euro kosten müsste, um steuerwirksam zu sein. Im europäischen Emissionshandel haben sie mit 30 Euro pro Tonne angefangen. Ist ja auch klar, wenn wir mal daran denken, welch mächtige Autoindustrie wir haben, der Flugzeugtourismus etc.. Die industriellen Interessen sind einfach zu mächtig, in deren Kreisen kommt so ein Gedanke gar nicht auf.

Hast du eine Vision, wo es hingehen muss, damit Humusaufbau ein massentaugliches Thema wird? Wie könnte eine Gesellschaft aussehen, in der Humusaufbau breit angewendet wird?

Es müsste mehr public-private-partnerships geben von Leuten, die am Thema interessiert sind und die im regionalen Maßstab handeln. Industriefirmen müssen in Humusaufbau investieren und natürlich müsste der Staat Anschubfinanzierungen geben für die Neugründungen ökologisch arbeitender Betriebe, in denen man die vielen jungen Menschen, die ökologisch sinnvoll handeln wollen, regionale Gemüseproduktion und die Neugründung von Ökobetrieben ermöglicht. Also jungen Menschen, die sich praktisch engagieren wollen in diesen Themen eine Zukunftsperspektive geben. Da müsste der Staat, engagierte Bürger und an offset interessierte Industriebetriebe sich beteiligen. Ich könnte mir vorstellen, dass man so regionale Gründungslaboratorien organisiert, in denen man die Landkreise natürlich auch einbindet. Auch die Industrie muss involviert werden, wir brauchen integrierte Lösungen. Der CO2-Handel ist in der Form, in der er momentan organisiert wird, völlig wirkungslos. Grundsätzlich müsste man die Synergie aufzeigen, die Humusaufbau mit sich bringt; nicht nur Emmissionseinsparungen sondern auch Hochwasserschutz, Speicherkapazität, etc.